Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Kolonialreligion?
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Landau Max Wiener z. B. sieht „Die Stellung der Religion im jüdischen Nationalismus" (Jüd. Rundschau 1934, Nr. 24) folgendermaßen: „Nach dem alten Satz soll seine (Erez Jisrael) Luft weise machen. Wir können aber an diese Weisheit nur glauben, wenn die Stärke und Eigenschaft unseres alten Geistes sich in dem neuen Gemeinwesen offenbart. Im Galuth kann es auch für den ehrlichsten Willen nur ein fragmentarisch-jüdisches Leben geben. Zu dem totalen, das — wie wir hoffen — dort aufwachsen soll, gehört die Besinnung auf unseren religiösen Charakter. Wenn gerade auf diesem Gebiet Heimat und Diaspora sich gegenseitig beschenken könnten, so wäre es ein herrlicher Gewinn." Das Bewußtsein, aus eigener Kraft nichts Wesentliches oder Selbständiges zu vermögen, wie das Bewußtsein, daß dem ehrlichsten Bemühen außerhalb Palästinas nur fragmentarisch-jüdisches, gleichsam koloniales Leben blühen könne, erfüllen mit tragischem Lebensgefühl, oder richtiger mit Resignation, mit Hoffnungslosigkeit. Das sind schlechte Weggeleiter. Sie könnten menschliches Fellachentum in unseren Reihen fördern. Das deutschjüdische Schicksal muß sofort gestaltet werden. Wir können nicht so lange warten, bis in Palästina, dessen Schicksalsbedeutung im Guten wie im Unguten für das deutsche Judentum offenbar ist, eine echte Gemeinschaft mit gefühlter, nicht nur beabsichtigter Lebenseinheit sichtbar ist, bis diese Gemeinschaft ihren Weg zur Religion gefunden hat und Religion in sich so intensiv erlebt, daß sie religiöse Kraft ausstrahlt, die stark genug ist, um ein Gemeinschaftsleben der deutschen Juden, das nach einer ähnlichen Stimme (Jüdische Rundschau 1934, Nr. 19) „nur in Palästina und mit dessen Hilfe" erst in den Landern der Zerstreuung möglich wäre, religiös zu erfüllen. Deutsches Judentum ohne religiöses Eigenleben bis zu jenem Emanationsstadium Palästinas wäre unentrinnbar dem Untergang verfallen. Jener begeisterte, aber vielleicht zu eifrige Glaube an die Kraft eines erst noch zu formenden palästinensischen Judentums setzt Wünsche für Wirklichkeiten. Die Umschmelzung der Einwanderer zu einem neuen wesens jüdischen Menschentyp voll starker innerer Einheitlichkeit muß Generationen dauern, da vorerst immer wieder neue Menschenmassen hinzuströmen, die eine fremde Legierung in sich tragen und sie dem gewaltigen wirtschaftlichen, sozialen, psychischen Umschmelzungsvorgang erneut zuführen. Sie alle werden von vielfachem Wollen bewegt, das kein einheitliches religiöses, politisches, ökonomisches, gesellschaftliches und seelisches Wollen ist, sie alle sind beladen mit westlichem Kultur- und Gedankengut, instinktiv mehr dazu geneigt, das Land sich, als sich dem Lande zu assimilieren, die einen bestrebt, alte behagliche Gewohnheit fortzusetzen, die andern beglückt, besseres materielles Sein zu erleben, die einen 118