Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Von Palästina nach Deutschland
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon: Von Palästina nach Deutschland sehen zweifellos geschehen ist. Statt dessen äußerten sich extreme Stimmen und fanden Gehör; einander aufs äußerste widersprechend und doch identisch in der Wurzel einer Entjudungstendenz, die einmal den Einzelnen und das andere Mal die Gemeinschaft meint und bedroht Die eine Stimme sucht sich mit aller Gewalt verlorener Liebesmüh dem Dritten Reich aufzudrängen, als sei dessen Judenfeindschaft ein Zufall und nicht tief im System begründet; die anderen suchen dessen herrschende Gedankengänge im jüdischen Bezirk gleichsam zu kopieren und schrecken selbst vor einer Umdeutung unserer Bibel in diesem Sinne nicht zurück, als habe nicht jedes Volk, und insbesondere das unsere, seine eigenen Gesetze des Werdens und Seins. Die einen bemühen sich um einen Kulturbetrieb, der eine bestimmte, wenn auch noch so humane Stufe des Deutschtums verabsolviert, und die anderen begnügen sich oft mit einem hastigen hebräischen Sprechdrill, der weder hier noch in Palästina zu einer kulturfähigen Sprache führen kann. Die einen fordern eine „zweite Emanzipation", ohne deren Eigenart unter so veränderten Verhältnissen deutlich zu bestimmen, und die anderen lehnen sie manchmal mit dem Hinweis auf Palästina ab, ohne ein konstruktives, eindeutiges Programm dafür hinzustellen, wie sie sich das Schicksal der Hunderttausende vorstellen, die auch in Zukunft in Deutschland leben mögen. Reagierten wir aber aus der Glaubenswirklichkeit heraus, so sähen wir auch die politische Situation und ihre Folgerungen klarer. Wahrer Glaube öffnet die Augen. Das deutsche Judentum muß jetzt, um seines auch für das Gesamtjudentum wichtigen Lebens willen, auf den rechten Weg kommen. Es muß die unerhörte Bereitschaft und Erweckung der Herzen durch rechtes Wort und rechte Tat nützen, statt durch zwei extreme und falsche. Wir sind weder Kanaaniter noch Preußen, sondern die Enkel der Propheten und der Pharisäer und, doch auch, Schüler des Humanismus und der Aufklärung. Als im zweiten Jahrhundert nach Christus gewisse gnostische Lehrer der jüdischen Bibel und ihrem Gott die Qualität der Barmherzigkeit absprachen, da wandten sich die Lehrer der Mischna nicht so sehr gegen diese Angriffe selbst wie gegen deren allzu apologetisch-einseitige Zurückweisung und lehrten also: „Wer da sagt: bis an ein Vogelnest reicht Dein Erbarmen, den bringt man zum Schweigen." Heute müssen wir denjenigen Juden Schweigen gebieten, die in apologetischem Übereifer unseres Gottes Liebe und Barmherzigkeit leugnen. Das Judentum bestimmt sich zwar in lebendiger Wechselwirkung mit den Weltvölkern, aber nicht aus der nachahmenden Abweisung ihrer Angriffe. Wenn wir so die große Spannungseinheit unseres Judentums aufrechterhalten, die Einheit der Spannung zwischen dem Geist 116