Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Von Palästina nach Deutschland
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Palästina nach Deutschland was zwischen ihnen war, Italien, Frankreich, selbst England, sinkt zurück. Palästina und Deutschland sind heute die beiden Gegenpole der erkennbaren jüdischen Welt (denn das Jüdische in Rußland, soweit es noch vorhanden sein mag, läßt sich nicht erkennen). Und wenn der Arbeiter in Palästina ein neues Gesicht bekommen hat, weil er wieder aktiv jüdische Geschichte formt, so der Beter in den nun wieder überfüllten Synagogen Deutschlands, weil er ein Schicksal trägt. Kaum einer, der unverändert aussähe! Alle, auch die, denen es „persönlich noch ganz gut" geht, künden von dem, was dem deutschen Judentum geschehen ist und noch geschieht. Mit der neuen Anziehungskraft erwuchs der Synagoge in Deutschland auch eine neue Bestimmung: sie ist wieder Versammlungshaus geworden. Während in den letzten Jahren vor der Umwälzung weitschauende Rabbiner ihre Wirksamkeit bewußt zwischen Synagoge und Vereinslokal oder Jugendheim teilten, spielt sich heute wieder ein Teil des „weltlichen" jüdischen Lebens im Gotteshause ab. Das verlangt auch einen neuen Stil: wir erleben die Entstehungsbedingungen des Midrasch lebendig mit. Aber wie erhalten sich diese Gemeinden? Wie ist das Wunder deutbar, daß das deutsche Judentum in seinen großen und Mittelgemeinden — bei allerdings reißendem und tragischem Verfall der kleinen! — institutionell bisher einigermaßen unversehrt dasteht? Gewiß: die teilweise hohen Gehälter der Rabbiner und anderer Funktionäre sind um die Hälfte, um zwei Drittel gekürzt, alles auf ein ehrlich-bescheidenes Niveau herabgedrückt, auch fehlt es nicht ganz an brüderlicher Hilfe von außen, aber all diese Maßnahmen würden nicht genügen, wenn nicht eine letzthin ungebrochene innere Lebenskraft ihnen entgegenkäme. Erstaunlich ist es, wie der Mut zu geistiger Arbeit sich trotz aller Lebenssorgen behauptet und belebt. Nie waren Vorträge besser besucht, Zeitungen starker verbreitet, Organisationen lebendiger erfüllt als in dieser Notzeit. Ja, man kann heute jüdische Freude kaum irgendwo in so erschütternder Intensität erleben wie an manchen Orten Deutschlands, freilich vor allem an solchen, die wie das misrachistische Lehrgut Gehringshof oder die Kinderheil- und Mädchenausbildungsstätte in Kreuznach der Vorbereitung auf Palästina dienen und so in vorwegnehmendem Jubel den Schritt aus dem Schicksal in die Geschichte besingen dürfen. II. Genügt das aber? Sind wir unserem Schicksal jüdisch gewachsen, religiös gewachsen? Nicht alle Anzeichen lassen diese Frage bejahen. Die Ereignisse haben dem deutschen Judentum seine Lebenskraft offenbart; sie haben nicht immer seinen Glaubensgrund ins Licht gehoben, wie das vielen christlichen Men- 115