Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Von Palästina nach Deutschland
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon grale", der die romantisch-konservativen Traditionen des italienischen Judentums, wie sie etwa S. D. Luzzatto verkörpert hat, wieder aufzunehmen scheint Hier kehrt ein Rest zurück. Venedig freilich, trostlos in seinem wohl unaufhaltbaren jüdischen Verfall, bereitet schon vor auf das traurige Bild, das den Reisenden in Paris erwartet.Trotz des Rückhalts am elsässischen Judentum und an einer kleinen Pariser orthodoxen Separatgemeinde nach deutschem Muster, trotz der beiden Judenviertel in der Hauptstadt mit den amSabbath zum Teil geschlossenen Läden, den hebräischen Aufschriften, trotz des zahlreichen Zustroms russischer Juden in der Zeit nach dem Kriege, scheint das französische Judentum sich in einer Epoche des Niedergangs zu befinden. In Paris allein sollen 150—200 000 Juden wohnen, aber diese gewaltige Anzahl macht sich auch nicht annähernd in einer entsprechenden Intensität jüdischen Lebens geltend. Die französische Luft ist zu weich, die Assimilation zu leicht und zu süß: nur wenige widerstehen ihr. Gerade auf diesem Boden entartet der — hier meist russisch-antibolschewistische — Zionismus schnell zur leeren Geste nationalistischen Geschreies, gerade hier verbindet sich ein äußerliches jüdisches Bekenntnis mit der vollkommenen Ievantinischen Aushöhlung, wie sie besonders den Sephardim, aber keineswegs ihnen allein droht. Die positiven Kräfte, wie sie vor allem auch in Verbindung mit den allgemeinen und misrachistischen Hechaluzgruppen auftreten, haben die äußersten Schwierigkeiten, festen Fuß zu fassen. Im Vergleich damit erscheint England als ein Zentrum positiven Judentums. Absolut freilich darf man dieses Urteil keineswegs nehmen: auch hier offenbaren sich unter der Hülle eines ostjüdisch-nationalen Konservativismus der zweiten oder dritten Einwanderergeneration die — langsamer fortschreitenden — Zeichen des Verfalls. Vor allem sind es die geistige Uniformität und die damit verbundene Leblosigkeit, die erschrecken. Judentum gehört dort oft in irgendeinem Ausmaße zum gemächlichen Tempo bürgerlichen Lebensstils; fast nie ist es leidenschaftlich ergriffener und umkämpfter Kerngehalt des persönlichen Daseins. Es gibt im Grunde nur eine jüdische Richtung, eine jüdische Zeitung, eine herrschende Schicht. Die ist konservativ, aber nicht orthodox; palästinafreundlich, aber nicht zionistisch; gelegentlich kenntnisreich, selten produktiv. Ein volkstümliches Judentum mit Traditionen und brüderlicher Hilfsbereitschaft, aber seit langem ohne Geschichte und Schicksal. Kommt man nach Deutschland und aus Palästina, so ist es, als sei man aus dem Raum jüdischer Geschichte in den Raum jüdischen Schicksals eingetreten. Beide Länder rücken zusammen: 114