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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 112

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Die Gewalt der Geschichte
Date
1934-06-01
Page
112 (sequence 9)
Language
German
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Grigori Landau: Die schöpferische Diaspora Die landläufige Meinung ist, daß die Juden aus einem organischen Zusammenhang, aus dem Räume ihres geschichtlichen Entstehens herausgerissen worden seien, um dann erst in ganz andersartige geschichtliche Räume zu geraten. Hätte aber dann nicht dieser mechanische Bruch ihre schöpferische Kraft überhaupt untergraben müssen? Oder wie konnte der alte Kern sonst auch nach dem Bruche heil und wirksam bleiben? Aber war es denn wirklich ein Bruch, durch den die Diaspora zum Leben kam? Es war ja nicht so, daß erst nach dem Untergang der jüdischen Eigenstaatlichkeit die Juden sich in der Welt zerstreut hätten. Denn schon lange vor dem staatlichen Untergang hatten die Juden wichtige Kolonien auswärts gehabt. Die Diaspora erwuchs also gleichsam organisch aus dem Leben und Oeiste der Judenheit selbst — noch vor dem staatlichen Untergang hatten die Juden wichtige Kolonien auswärts gehabt. Die Diaspora erwuchs also gleichsam organisch aus dem Leben und Geiste der Judenheit selbst — noch vor dem Zusammenbruch; sie wurde nicht aus den Trümmern des Eigenstaates gebaut, sie wuchs von sich aus und brauchte ihr Leben nach dem Fall der eigenstaatlichen Existenz nur fortzusetzen. Wie war es möglich, daß der Kern, die inneren Triebfedern des eigenmächtigen Daseins auch in der Diaspora bestehen blieben? Die Antwort kann nur diese eine sein: Die Grundideen des Judentums, wie sie in Palästina Gestalt gewannen, waren selbst schon Erzeugnisse der Diaspora; vielleicht lag darin ihre Kraft begründet, die sie späterhin auch auf anderen Kontinenten lebendig erhielt. Die Juden blieben geistig bei sich selbst, als sie geographisch in die Fremde gerieten, denn sie waren geistig schon aus der Diaspora heraus bestimmt, als sie noch „zu Hause" lebten. Die Tatsachen sind klar und eindeutig. Es genügt, die zwei wichtigsten zu nennen: die Knechtschaft in Ägypten und die Gefangenschaft in Babylon. Es sind die zwei entscheidenden Tatsachen der jüdischen Geistesgeschichte. Der Dekalog und das Deuteronomium sind die Grundlagen des Judentums. Es ist eine Frage der Wissenschaft, wie es mit der wirtschaftlichen und kulturellen Lage der Judenheit in der „Knechtschaft" und „Gefangenschaft" in Wirklichkeit stand; das wesentliche Merkmal des Diasporadaseins, das Leben einer zerstreuten und doch zusammenhängenden, politisch ohnmächtigen und doch lebensfähigen Gemeinschaft im fremden Staate unter fremder Macht ist bereits in jenen ersten Perioden der Diaspora vorhanden. Der Dekalog und das Deuteronomium sind für die Rückkehr ins eigene Land geschaffen worden, sie enthalten aber den Niederschlag der Erfahrungen des Daseins in „Knechtschaft" und „Gefangenschaft". Nicht in Palästina, sondern in der Dia- 112

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