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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 111

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Die Gewalt der Geschichte
Date
1934-06-01
Page
111 (sequence 8)
Language
German
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Die schöpferische Diaspora verfällt in ihre Antithese. Und dann glaubt die Welt gerade in der Überspannung der Antithese, in der vor nichts zurückschreckenden Kritik das wirkliche Antlitz der Judenheit zu erblicken. Bei aller Treue zur Tradition muß man aber das Leben zu neuen Formen bringen, um am Leben zu bleiben, und so schlägt das Kommentieren in eine Illusion um: man schafft, als ob man nachschaffe, man erfindet, als ob man ausführte, man setzt fort, als ob man wiederholte. Bis zu einem gewissen Grade ist es auch anderswo ähnlich — die Anfangsmythen der Kultur bleiben ein ewiges Thema ihres Weiterspinnens. Die griechischen Tragiker dichteten, indem sie uralte Mythen nachdichteten. Die Maler der Renaissance schlugen sich in unzähligen Varianten des Madonnenideals zum eigenen Schönheitsideal durch. Im Judentum wurde es aber noch potenzierter als anderswo, und über den ganzen Bereich der Moral, der Lebensführung, der sozialen Einrichtungen erweitert. Die Juden dachten, indem sie kommentierten, und lebten, indem sie — nachlebten. Es war in gezwungenen Formen eine schöpferische Tätigkeit, zuweilen entstellt, zuweilen versiegend, allein das Leben im bleibenden Sinne immer von neuem aufbauend. In konzentrischen Kreisen wuchs und erweiterte sich das Judentum: das Alte Testament (selbst aus konzentrischen Kreisen bestehend), das talmudische Schrifttum, die rabbinische Tätigkeit. Die Judenheit glaubt, es wären nur Kommentare zum ursprünglich von Gott Gegebenen. In Wirklichkeit baute eine Gemeinschaft ihr Kulturleben auf, paßte sie an neue Verhältnisse an, arbeitete schöpferisch, wenn auch in gefesselten Formen. Gewiß steht der große Wurf dem Anfang, dem ersten geschichtlichen Anlauf näher; später tritt mehr die Aus- und Durcharbeitung auf, die Bereicherung, die blühende Verbreitung, die Anpassung; aber dies ist bei allen Völkern das Gesetz der Entwicklung autonomer Kulturgebiete: die entscheidende Intuition steht am Anfang des Weges. Natürlich bedeutet diese Schilderung eine Vereinfachung. Nicht durch eindeutige, sondern nur durch polare Eigenschaften kann man eine Volksentwicklung erfassen. So war auch das jüdische Leben größtenteils rationalistisch, aber auch mystisch; traditionell, aber auch skeptisch-umwälzend; irdisch-nüchtern und zugleich prophetisch. ♦ Die schöpferische Tat jeder Kultur wirkt sich zwiefach aus: für sich und für die Welt Durch die Diaspora hat das Judentum immer wieder einen bleibenden Einfluß auf die Mitwelt ausgeübt, durch die Werte, die es geschaffen und durch die Menschen, die es erzogen hat. ///

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