Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Die Gewalt der Geschichte
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 113 (sequence 10)
- Language
- German
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Ernst Simon: Von Palästina nach Deutschland spora ist das Judentum geboren; in Palästina wurde der Zusammenstoß des Diaspora-Gedankens mit der einheimischen, eigenstaatlichen Welt ausgetragen. Gibt es in der Weltgeschichte einen anderen Fall, wo eine religiös-soziale Kultur auf der Mahnung aufgebaut wurde: „Gedenke, daß du Fremdling warst im fremden Lande"? Als die Judenheit wiederum zerstreut wurde, nahm sie den Geist mit, der aus der Zerstreuung geboren war und der darum in ihr weiter schöpferisch leben konnte, weil er ihr kongenial war. Ernst Simon: Von Palästina nach Deutschland Eindrücke und Besinnung einer Jüdischen Reise I. Palästina, Italien, Frankreich, England — und nun wieder Deutschland! Wie verschiedenartig, inmitten der spurbaren Einheit, sind die jüdischen Eindrücke, die auf diesem Wege begegnen. Palästina — das Land des frohen, des befreiten Juden, des Rausches aufbauender Schöpfung und, seltener nun, heroisch-täglichen Opfers, voll der Gnade einer Lösung aller jüdischen Kräfte ins Menschliche, doch in der Gefahr vorzeitiger Erlösungsstimmung, die vergessen lassen kann, daß wir auch dort nicht Erlöste sind, sondern erlösen und erlöst werden sollen. Und danach: Italien. Nach der äußersten jüdischen Dichtheit die äußerste Zerstreuung. Wenige Juden, kaum ein Zehntel Prozent — statt fast 25 Prozent in Erez Israel — und auch diese noch auf verschiedene Gemeinden verteilt. Trotzdem aber beginnt auch hier neues jüdisches Leben sich zu regen. Den Spaziergängern durch das römische Ghetto, das auch heute noch wesentlich von Juden bewohnt wird, beantwortet man den hebräischen Gruß freudig mit hebräischem Gegengruß. Die große Synagoge ist auch zu Sabbath-Ausgang gut besucht, und unter den Betern sind ein paar junge Straßenbahner in Uniform. Einen noch viel stärkeren Eindruck aber macht Florenz. Beim Freitagmorgen-Gottesdienst in der schönen Synagoge einige ausgezeichnete Hebraisten; dann die Bekanntschaft mit alteingesessenen italienischen Familien, wo von den Großeltern bis zu den Enkeln alles Hebräisch spricht und versteht: kurzum, jener religiös-nationale „Judaismo inte- 113