Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Die Gewalt der Geschichte
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 110 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Grigori Landau Ergebnisse ihrer Erfahrung, ihrer Geistesarbeit, die Leistungen ihres Willens aufgespeichert. Mit dem „Buche" war alles gegeben und mit ihr wäre alles verloren. Natürlich ist „das Buch" keine Literatur; es ist die besondere Form der Verewigung der religiösen Kulturinhalte, das besondere Gefäß zum Erhalten des vom Volke Geschaffenen. Die tragbare Form nämlich; das Diaspora-Gefäß. Soll man darin die vorausahnende Anpassung an die Zukunft oder das Ergebnis der Vergangenheit bestaunen? Oder das Zusammentreffen beider? Auch andere Völker hatten ihr großes ewiges Schrifttum, in dem sich ihre Seele ausgeprägt hat; allein nicht darin bestand ihre einzige Hinterlassenschaft. Die Juden hatten keinen äußeren Halt in der Beständigkeit ihres Lebensraumes, und ihr Kulturgut mußte — so wie ihre Habe — beweglich bleiben, damit es mitgeführt werden konnte, in die Weite der Länder und der Zeiten. Aber auch das Buch hätte mit seinem Verfasser verschwinden können. Wer hätte es verstanden außer denjenigen, deren Leben es in sich schloß? Es war, auch rein weltlich gesehen, eben keine „Literatur", sondern Volkserfahrung, Lebensauffassung in einer Volksgeschichte, Welt- und Gottesanschauung in unendliche Bilder gefaßt, Gefühlsäußerung und Institutionsbegründung. Aber Lebensart und Gottesanschauung müssen durchlebt, nachempfunden werden, um verstanden zu sein. So wie die Musik einen nachschaffenden Künstler braucht, um zu leben, so braucht das Wort ein fortwährendes kongeniales Erfassen und Nachschaffen. Das einmal Geschaffene fordert die spätere Tätigkeit, um nicht verloren zu gehen. Das frühe Sterben wäre hier dem Niemalsgelebt-haben gleichbedeutend gewesen. Also lebte das Judentum davon, daß es sich immer wieder in sich erneuerte. So stellte auch die Judenheit selbst sich ihr Leben als eine ewige Auslegung, als ein ewiges Nachschaffen des Gesetzes vor. Der Wert der Tradition wird ins Unermeßliche gesteigert, die Funktion des Hüters, des Konservators wird geheiligt, die Bescheidenheit des Auslegers anerzogen. Es ist ein nie nachlassendes geistiges Training, eine unaufhaltsame Durchprägung des Lebens mit dem Geist. Kein freies Sich-weiterentwickeln, keine individuelle Originalität scheint hier einen Platz zu haben, keine radikal-kritische Einstellung zum Übernommenen wird geduldet. Vielleicht eben deshalb gibt auch — gleich einer zu stark zurückgezogenen Feder, die um so ungestümer emporschnellt, wenn die Hemmungen gefallen sind — die Judenheit in den Epochen des Erlahmens ihrer geschichtlichen Lebensform den abgedrängt gewesenen Kräften eine überspannte Ausdehnung, 110