Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Die Gewalt der Geschichte
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 109 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die schöpferische Diaspora traditionell in eine andere Periode der Blüte hinüberzuretten. Während auf den alten Statten klägliche Reste blieben, sammelten sich an anderen Orten Kräfte zu neuem Aufblühen oder zum — alten Ausharren. Viel Unheil konnte die Diaspora der Judenheit bringen, manches, wovon andere Völker mit ihrem kürzeren Lebenslauf verschont geblieben sind. Aber zugleich rettete sie sie vor Allerschlimmsten — vor dem Untergang, dem Erlöschen des Geistes. Die Diaspora hat die Judenheit erhalten. Das Unsichere wurde zum — Sichersten. II. Die schöpferische Diaspora. Die Diaspora hat die Judenheit durch Jahrtausende gerettet. Aber ist denn die lange Dauer an sich schon eine Rechtfertigung? Gibt es denn eine Sinngebung einfach durch die Zeit? Das jüdische Selbstgefühl scheint einer langen Lebensdauer hohen Wert beizulegen. Langlebigkeit wird als Lohn der Tugend betrachtet, als Antwort der göttlichen Gerechtigkeit auf die ethische Haltung des einzelnen Menschen. Vitalität wird also moralisch gedeutet und als moralische Bestätigung empfunden. Doch eine andere Lebensauffassung meint, es sei schön wegzugehen nach dem ersten schöpferischen Anfangswurf, vor den unausbleiblichen Kompromissen der Mitte und den möglichen Kapitulationen am Schluß. Kann denn die Dauer nicht auch Preis der Abtrünnigkeit sein: propter vitam vitae perderecausas? Ohne das nachfolgende Leben in der Diaspora wäre auch die staatlich-selbständige Epoche des jüdischen Lebens verloren gegangen. Andere Völker haben Pyramiden, Aquädukte, Straßen gebaut, Statuen gemeißelt, Vasen, Geräte, Werkzeug hinterlassen. Das meiste ist verschwunden, doch manches geblieben, woraus man die Seele der vergangenen Zeiten abliest. Oder haben diese Völker Erben hinterlassen: zu Erben wurden die Sieger, zuweilen auch die Besiegten erhoben; so sind Sprache, Geist, Weisheit, soziale Einrichtungen, technische Errungenschaften nach dem Ableben ihrer Schöpfer, wenn auch bisweilen entstellt, doch noch lebendig geblieben. Die Juden haben keine Pyramiden gebaut, außer für andere Völker; keine Statuen gemeißelt; keinen besiegten Völkern das Gesetz ihres Daseins aufgezwungen. Der Tempel, den sie gebaut haben, wäre er auch nicht zerstört worden, hätte allein ihre einmalige Individualität schwerlich für die späteren Generationen aufbewahrt. Sie haben „das Buch" geschaffen und in ihm die 109