Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Die Gewalt der Geschichte
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 108 (sequence 5)
- Language
- German
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Grigori Landau Es ist schon wahr, sie war kein Ideal, auch kein Idyll, sondern ein schwerer gefahrvoller Lebensweg. Aber lag sie deswegen unterhalb des Durchschnittsniveaus des geschichtlichen Daseins überhaupt? Wo sind denn die Altersgenossen unserer Vorfahren — Babylon und Assyrien? Ägypten ist auferstanden, aber hat das Reich des Chedive viel Zusammenhang mit dem machtvollen Reiche der Pharaonen? „Hyperboräer" sind die Wiedererweck er des alten Kulturglanzes am Nil, während seine Erben, die Fellachen, mit verständnislosen Blicken auf die Arbeiten der Sonderlinge schauen. Oder hat das Land Venizelos' viel Gemeinsames mit dem Staate Perikles'? Nicht Athen ist Athens Erbe, nicht Athen setzt Athens Arbeit, Geist, Idee fort Das sind aber die Kolosse, die Ewigen: Ägypten, Hellas, Rom; sie leben fort, wenn auch nicht in fortdauerndem realem Dasein. Aber die anderen, von denen nur noch Namen übrig geblieben sind und die, die samt ihren Namen verschollen sind? ...Alles — Zeitgenossen verschiedener Lebensalter derJudenheit. Nicht aus Überheblichkeit soll an diese Tatsachen erinnert werden. Überheblichkeit ist verzeihlich nur bei denen, die noch wenig geleistet haben. Nein, nicht aus Überheblichkeit und nicht zum Trost. Nur — um zu verstehen. Stellen wir uns einmal vor, die Juden wären in Palästina ein kleines Volk in einem kleinen Staate geblieben. Was wäre aus ihnen geworden? Wohl etwas dem winzigen Völkchen der Assyrer Ähnliches, das unlängst in der Öffentlichkeit auftauchte als verfolgtes Häuflein, zufällig in den vorderasiatischen Wildnissen erhalten? Wären wir zu einer Art von Fellachen geworden? Wäre unser Andenken nur noch auf Roms Siegesdenkmal in der Welt geblieben? Mächtige Reiche um Palästina sind mehr als einmal zugrundegegangen; wie hätte sich ein kleines Volk in einer so exponierten Lage erhalten können? Die Wahrscheinlichkeit seiner Erhaltung durch Jahrtausende hindurch liegt sehr nahe der Null. Die lange Lebensdauer der Judenheit kommt eben von ihrer Zerstreutheit. Gewiß mußte die Judenheit eine Geistes- und Lebenskraft besitzen, eine geschichtliche Aufgabe, einen moralischen Halt. Aber bei diesen Voraussetzungen war die Möglichkeit des Bestehens erst dadurch gegeben, daß die Judenheit zerstreut war. Sie konnte sich in neuen Ländern und Regionen behaupten, wenn es ihr in alten beschieden war, unterzugehen. Das Zentrum der Judenheit verschob sich aus dem Orient nach dem Okzident. Hochkultivierte Schichten wurden zugrundegerichtet, blühende Gemeinden gingen unter, — aber irgendwo, in irgendeiner abgelegenen Ecke der Diaspora gelang es einem andern Teil der Judenheit, sich zu behaupten und die übernommenen Kultur- 108