Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Die Gewalt der Geschichte
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 107 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die rettende Diaspora genug damit. Wir haben uns an diesen Aufschwung gewöhnt, an dieses einmalige Aufblühen, an das beispiellose Ansteigen des Lebensniveaus, an die Festigung der menschlichen Gesellschaft, kurz gesagt — an den gesamten „Fortschritt" des letzten Oeschichtsabschnitts. Die kurze Ausnahmeperiode schien uns die Norm zu sein, der Maßstab, an dem wir die übrige Geschichte zu messen begannen; und da wir in dieser Ausnahmeperiode lebten, haben wir sie nicht als eine Gnade Gottes, nicht als ein einmaliges glückliches Gelingen betrachtet, sondern als etwas Alltägliches, beinahe — Langweiliges. Und da dieser stetige Fortschritt selbstverständlich wurde, schien er auch gesichert zu sein. Als aber aus dem Schöße dieses selbstsicheren Zeitalters die katastrophale Periode von Kriegen, Revolutionen und Krisen stieg, glaubte man es zuerst durch Irrtum, vielleicht durch Verbrechen oder durch zufällige Mißverständnisse erklären zu können. Aber es war kein Mißverständnis, höchstens Unvernunft; kein Irrtum — nur Irrwege des menschlichen Wahns; kein Verbrechen — nur Elementargewalt... Der Mensch steht wieder da in tragischer Gewitterbeleuchtung, am Anfang eines unbekannten Weges, kein metaphysischer Rentner mehr der vorausbestimmten und garantierten Herrlichkeiten, steht im Sumpfe oder vor Abgründen, trotz seiner großartigen Technik doch nur mit dem Werkzeug seines Glaubens an Gott oder an seinen Stern oder an seinen Geist; steht da auf dem ewig einzigen Weg: immer zu arbeiten und zu kämpfen, wenn es nötig ist, von vorn anzufangen, und wenn es nicht anders geht — unterzugehen. Ein paar Generationen lang währt die Stetigkeit, dann kommen katastrophale Umwälzungen. So ist die menschliche Geschichte. Dünen am Meeresstrand, Ebbe und Flut zu Füßen des bewegten unsteten Sandes. Wie lange bleibt das Antlitz der Dünen unverändert? Wie viele Reiche sind untergegangen oder haben phantastische Umwälzungen durchgemacht? Wie viele Kulturen haben nur Steine hinterlassen — beredte in ihrem Schweigen. Wie oft ist schon alles dagewesen, wie viele Weisen haben es schon begriffen und wie viele Menschengeschlechter haben es ihnen nicht glauben wollen. . . . Der Wahn gesicherter Ruhe ist keine jüdische Angelegenheit, in ihm beruhen Idee und Selbstgefühl der europäischen Menschheit in der letzten geschichtlichen Periode. Durch die Brille dieser Illusion sahen auch die Juden ihr vorangegangenes Diasporadasein, maßen es mit dem Maßstab von ein paar Dezennien des IQ. Jahrhunderts. Das Urteil war niederschmetternd für die Diaspora. 107