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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 106

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Die Gewalt der Geschichte
Date
1934-06-01
Page
106 (sequence 3)
Language
German
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Grigori Landau Mandschuren; Völker am Rande des Römerreichs haben ihre Macht an den römischen Adler verloren; Kelten wurden machtlos unter der Führung germanischer Stämme, Katalonen unter der Macht der Kastilianer. Und heute noch gibt es im modernen Europa Staaten, deren einzige Selbstbestimmung darin besteht, daß sie zwischen verschiedenen Abhängigkeiten vielleicht noch wählen können. Gewiß entsprechen diese Abhängigkeitsverhältnisse nicht ohne weiteres denen der Diaspora. Das eine aber steht fest: die judenheit in der Diaspora blieb machtlos und abhängig, auch nachdem die Juden mit der Emanzipation in das allgemeine Recht einbezogen worden waren. Da aber Menschenwerk — auch Verfassungsrecht — von Menschen auch umgeformt werden kann, so bleibt die allseitige Unsicherheit als grundlegende Eigenschaft der Diaspora bestehen. Aber gibt es denn irgendwo eine größere Sicherheit? Sehen wir von der Sicherheitsmonomanie gewisser Staaten ab, so bilden doch die Besorgnisse dieser Art stetige Motive jeder Politik. Die Völker drängen nach mehr Macht, um die bereits errungene sicherzustellen. Die Sorge um die — unmögliche — Sicherheit ist der ewige Ansporn menschlicher Tätigkeit. Auf geistigem Gebiet fordert sie Beweisführungen, baut systematische Wissenschaft und Philosophie auf, läßt Erkenntniskritik entstehen, drängt Spinoza dazu, seine Ethik more geometrico zu schreiben, richtet die glänzendsten und feinsten Architekturen der Mathematik auf, — alles umsonst: selbst Euklids Sicherheit mußte neuen Beweisführungen weichen. Die Sorge um die Sicherheit regt eine ungeheure wirtschaftliche Tätigkeit und die Schaffung von sozialen Institutionen an. Alles umsonst: Weltkrisen sind nicht zu vermeiden. Die Sorge um die Sicherheit wird einer der tiefsten Gründe des religiösen Verlangens: das Menschliche im Übermenschlichen zu verankern, einen absoluten Halt in der absoluten göttlichen Sicherheit zu erhalten. Im letzten Jahrhundert aber haben wir (nicht nur Juden, sondern die ganze moderne Menschheit) die Grundwahrheit des menschlichen Lebens vergessen, das ewig Wankende und Unstetige des Bodens, auf dem wir in unserem irdischen Dasein wandeln. Wir haben das Grundgefühl der Unergründlichkeit, der Vulkanbeschaffenheit des geschichtlichen Bodens eingebüßt. Wir haben uns an die relative Ruhe, an die Stetigkeit, an die feste Gestalt von ein paar Jahrzehnten gewöhnt. Der beispiellose Aufschwung, die märchenhafte materielle Entwicklung, der feste staatliche Aufbau von ungefähr einem Jahrhundert haben für unsere Augen die ganze Menschheitsgeschichte verdeckt. Und nicht 106

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