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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 105

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Die Gewalt der Geschichte
Date
1934-06-01
Page
105 (sequence 2)
Language
German
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Grigori Landau: Die rettende Diaspora Teile der Judenheit, die in einzelnen Landern verwurzelt sind, sondern nur in Hinsicht auf die gesamte Judenheit, durch die ganze Dauer ihrer Geschichte hin. Aus dieser Perspektive gesehen sind den lichten Perioden immer finstere gefolgt; und eben dieser immer wiederkehrende Wechsel verursacht das Unsichere, das ewig Schwankende des Diasporadaseins. Aber gerade für diejenigen, die die jüdische Einheit durch die Zeiten bejahen, sollte es kaum tragbar sein, die unabwendbare Bedingung dieses Daseins — die Diaspora — zu verneinen. Nicht die Verfolgungen, auch nicht die grausamsten, machen das spezifische Übel der Diaspora aus: sie kamen nur sporadisch vor. Sporadisch aufkommende Verfolgungen gibt es aber auch innerhalb der Völker. Die religiösen Verfolgungen sind die bekanntesten, grausam aber waren auch Bürgerkriege, Bauernkriege, Revolutionen, die Jagd nach Sklaven, die Ausrottung der Andersfarbigen, die Unterjochung ganzer Völkerschaften. Und dann — die Kriege, die einfachen, die sozusagen normalen, die alltäglichen Kriege. Groß sind die Unterschiede zwischen diesen Verfolgungsarten und denen, welchen die Juden in der Diaspora ausgesetzt waren; ein Krieg — wie ein Duell —, wo beide Gegner sich wehren und beide angreifen, unterscheidet sich gründlich von einer Bartholomäusmacht oder einem Pogrom. Jedenfalls ist die ganze Menschheitegeschichte voll von grausamsten Verfolgungen, und die Verfolgungen der Diaspora stellen keine Ausnahme dar. Auch heute leben gewaltige Menschenmassen noch immer im Zustande der Sklaverei, des Pariatums, der Knechtschaft, — auch im Bereiche des britischen Weltreiches, also unter der Hegemonie der Heimat moderner Freiheit. Es wäre Geschichtslästerung, wollte man leugnen, daß manche Lagen der Juden in der Diaspora höher und besser waren, als diejenigen, in denen große Teile der geplagten Menschheit gelebt haben. Die totale Diaspora wird durch eine andere Sachlage charakterisiert. Innerhalb eines Volkes kann ein großer Teil unterdrückt und entrechtet werden, — manche Schichten des Volkes bleiben vollberechtigt, verfügen über die Macht. In diesem Sinne ist das Volk in seiner Gesamtheit — vertreten durch seine höheren Schichten — vollwertig. Im Gegensatz dazu hat das Judentum als Gemeinschaft überhaupt keinen Anteil an der Macht. Machtlosigkeit und Abhängigkeit sind also Kennzeichen einer Diasporagemeinschaft. Aber auch andere Völker sind machtlos und abhängig, Völker, die kein Diasporadasein führen. So steht es mit den Kolonialvölkern, so geschieht es zuweilen auch mit scheinbar souveränen Nationen. Indische Völkerschaften mit jahrtausendealter Kultur sind nicht nur heute (von England) abhängig, sondern waren es auch zu Zeiten des Großmoguls; chinesische Völker standen in dem selben Abhängigkeitsverhältnis unter den 105

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