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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 103

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Raum und Grenze der Diaspora
Date
1934-06-01
Page
103 (sequence 5)
Language
German
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Raum und Grenze der Diaspora nichtstaatlicher Verband wird, ist für das Judentum endgültig. Die jüdische Diasporaexistenz, die nach außen den in der Berufung Gottes stehenden nichtjüdischen Machtträger verlangt, ist nach innen die von aller Machtberührung sich frei haltende Gemeinschaft. Beides zusammen ermöglicht jüdische Diaspora. Ob die jüdische Gemeinschaft die der religiösen Gemeinde ist wie im deutschen Judentum, ob sie hebräische society ist wie in Palästina, ob zie zentralistisch gelenkter Glaubensverband ist wie bei dem der Departementverwaltung parallel geordneten französischen Judentum, ob sie die organisatorisch ganz lockere Vereinigung freier Bekenntnisgemeinschaften des amerikanischen Judentums ist, — überall ist die jüdische Gemeinschaft kein Verband im staatlichen Sinne. Wo zu dem gemeinsamen mütterlichen Ursprung in der Vielfalt geschichtlichen Auseinander gestaltete Gemeinsamkeit erstrebt wird, haben wir nur die wieder neu zu schaffende Einheit der Lehre. Der Anteil an der abendländischen Geschichtlichkeit hat uns zu Gruppen differenziert, die so verschieden und so gleich sind wie einst die Stämme Israels zur Zeit ihrer Seßhaftwerdung in Kanaan. Im Glauben, nicht in der Politik entsteht die Führung — eine lehrende, nicht eine befehlende —, die jüdisch ist. Diese lehrende Führung kann und wird auch heute die Einheit unter den Stämmen Israels bewirken, die jetzt in der Helle des Westens als deutsche Juden, als englische, als amerikanische usw. erscheinen. Ein staatlicher Verband zu sein, sei es in Palästina, sei es außerhalb Palästinas als nationale Minorität, liegt nirgends auf der Linie eines Judentums, das eine richtige Vorstellung über sich besitzt. Die Geschichte der jüdischen Wanderung geht nicht nur den Soziologen an. Sie kann und muß theologisch begriffen werden. Die Definition Europas ist, Westen zu sein, der einem Osten geistig und herrschaftlich übergeordnet ist. Das europäische Schicksal erhält zwar heute dadurch ein anderes Gesicht, daß die Ost-West-Spannung über den europäischen Raum hinauswächst und Weltweite gewinnt. Die Slaven, bisher die „Sklaven" Europas, standen auf. Die russische Revolution nähert Amerikanismus und Bolschewismus einander an. Die Ost-West-Spannung ist damit erst recht das Thema der Weltgeschichte geworden. Die Tatsache, daß wir Juden heute Westjuden und Ostjuden sind, erinnert an unser europäisches Schicksal. Der Palästinaaufbau geschieht mit den Kräften des Westens. Westliche Tatkraft im östlichen Raum, das ist die großartige Formel des Zionismus. Das Judentum wurde gerade dadurch Judentum, daß es einst aus dem Osten, in dem seine Wurzeln lagen, herauswuchs. Schon in der orientalischen Epoche des Judentums zeigt sich das Judentum als nicht nur orientalisches Gebilde. Die Weisheit des Ostens ist dies: daß Gott Gott ist und der Mensch Kreatur. Die 103

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