Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Raum und Grenze der Diaspora
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 102 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Isaiah 1× ep/1005097
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Ignaz May bäum Diese ist dadurch nicht nur Schwertführung, sondern Schwert- Dienst. Solange das Abendland diese seine christliche Grundlage besitzt, ist in ihm auch für die Existenz einer jüdischen Diaspora Möglichkeit vorhanden. Hier liegt unser Zusammenhang mit dem Gang der Weltgeschichte, deren Führung heute dem abendländischen Geist überantwortet ist, so daß unsere Hoffnung für uns notwendig aus partikularer Enge in die Weite der Menschheit hinausführt. Der Prophet — der sogenannte zweite Jesaja, dessen Schrift uns in den ein Trostbüchlein darstellenden Kapiteln Jesaja 40—55 erhalten ist —, der seine messianische Hoffnung an eine nichtjüdische Macht knüpft, ist es zugleich, der die Grundlage der jüdischen Diasporaexistenz erkannt hat. Dieser Prophet weiß von dem Auftrag, den die Ohn-Macht in der Weltgeschichte hat. Israel ist der Knecht Gottes. Das Christentum kennt den Gottesstreiter. Für das Judentum ist diese Glaubensfigur, in der die christianisierte Politik sich repräsentiert, kein Vorbild mehr, obwohl sie sich in der Schrift findet. Im rabbinischen Judentum gehört dieses Vorbild in die jüdische Vorgeschichte. Im Gottesknechtstum dagegen findet die jüdische Diasporaexistenz ihr Bild. Damit diese Existenz in der Welt möglich sei, muß ihr dazu von einer Macht die Lebensmöglichkeit gegeben werden. Welche Macht gibt der Ohn-Macht Raum? Es ist die Macht, die sich berufen weiß. Das knüpft das jüdische Gottesknechtstum an das christliche Gottesstreitertum, macht die jüdische Diaspora möglich in der christlichen Welt, unmöglich in der heidnischen. Die christliche Welt, die in ihrem Schoß das Bild des erhöhten Knechtes, des Gekreuzigten, besitzt, ist für jüdische Existenz eine Heimstätte. So entwickeln sich die Leitgedanken der zweiten Emanzipation des modernen Judentums: nicht vom philosophischen Liberalismus, von der christlichen Politik gehen wir, das Volk der Zerstreuung, in unserer Hoffnung auf Heimat aus. In dieser religiösen Emanzipationsbewegung ist die Palästinawanderung mit berücksichtigt. Der Palästinaaufbau ist nicht Aufhebung des jüdischen Schicksals, kann und darf nicht als Weg zu einer jüdischen Politisierung verstanden werden. Auch das in Palästina zu errichtende Gemeinwesen ist den Diasporagemeinden darin gleich: Heimstätte zu sein, deren Recht von einer dazu berufenen Macht garantiert ist. Das Judentum ist zur Macht nicht berufen. Der Prophet Ezechiel entwirft die Verfassung des neuen Zion und gibt dem künftigen David, der früher im Königstitel seinen politischen Rang hatte, den Titel: nassi, Fürst. Hier handelt es sich nicht bloß um eine gradmäßige Rangverminderung, sondern um eine prinzipielle Veränderung. Ezechiel vollzieht hier die Wendung vom staatlichen zum gesellschaftlichen Raum. Diese Wendung, durch die die jüdische Gemeinschaft 102