Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Raum und Grenze der Diaspora
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 104 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Grigori Landau/ Die Gewalt der Geschichte i. Die rettende Diaspora. Einen schlechten Ruf hat die Diaspora, schlechter könnte ei" gar nicht sein. Sie gilt als Symbol trostlosesten irdischen Daseins, hilflosen Umherirrens in einer feindlichen Welt. Das Leben formt und verändert sich nach einer fremden Eigengesetzlichkeit, zuweilen überraschend, immer aus einem äußeren Zwang. Ewige Abhängigkeit, Unvollkommenheit — das ist das Los der Diaspora. Man wird nicht leugnen wollen, daß es in der langen Diasporageschichte auch glückliche Zeitabschnitte gegeben hat (soweit überhaupt vom „Glück" einer menschlichen Gesellschaft gesprochen werden kann). Aber über die Diaspora als Lebensform kann nicht geurteilt werden im Hinblick auf einzelne (Schluß von Seite 103) Kraft des Westens ist dies: im Wissen um die göttliche Ebenbüdlichkeit des Menschen die Berufung tragen, die diese Erde für das Reich Gottes bereitet. Im Osten konnte die Geburtsstätte der Offenbarung sein, weil die Maßlosigkeit das Wesen des östlichen Menschen ist und in einer Sache der Mensch maßlos sein muß: in der Liebe zu Gott. Aber das Werk, die Tat fordern das Maß, die Begrenzung. Hier liegt die Berufung des Westens. Die Erde ist ewig geschieden in Osten und Westen. Eine Verwurzelung in die Erde macht den Menschen zum östlichen oder westlichen Menschen. Der Jude ist gerade dadurch Jude, daß er seine Bestimmung nicht von der Erde her erhält. Als Jude darf er im Osten genau so wenig verwurzelt sein wie im Westen. Genau so wenig wie in der Diaspora kann und darf der Jude in Palästina „normaler", „verwurzelter", „gesunder" Mensch werden — wie die Schlagworte eines heillos politisierten Judentums lauten. Das Judenschicksal in und außerhalb Palästinas ist gerade im Tiefsten, nämlich im Jüdischen, gleich. Eine Verwurzelung, die uns in die Erdbestimmung des Ostens oder des Westens total übergehen läßt, macht uns des Judentums verlustig, das als Judentum keine östliche Weisheit und keine westliche Tüchtigkeit ist, sondern Glaube an Gott, der der Herr ist des Ostens und des Westens. 104