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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 82

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Das Davidsschild
Date
1934-05-01
Page
82 (sequence 3)
Language
German
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Johanna Michaelis in heutiger Zeit völlig verloren ging. Wie anschaulich schildert uns die Bibel die großen Individualitäten unserer Propheten und den Rhythmus der Unendlichkeit, in dem sich das Volk Israel mit seinem unendlichen Gotte verbunden fühlte! Die Zeiten der Prüfungen verändern die Weltanschauung, und das lebensvolle Gesicht dieser unendlichen Welt erstarrt allmählich. Der Talmud bleibt der einzige Erinnerungsquell, der die Offenbarungen Gottes unter den Juden lebendig erhält. Ein Gesetz wird dem anderen hinzugefügt, bis unversehens die starre Welt des Seins, der gebieterischen, unveränderlichen Ordnung, der Identität und der Zahl entsteht, nur noch Maske, nicht mehr seelenvolles Antlitz. Es gibt keinen Rhythmus mehr, der zur Weiter-, zur Höherentwicklung führt, ein Riß klafft zwischen Schöpfer und unwürdigem Geschöpf. Jetzt erst konnte ein geometrisches Zahlengebilde, wie es das Hexagramm ist, zum Symbol erhoben werden. Die jüdische Geschichte berichtet von der Spaltung, die im Geistesleben der Juden besonders während des Mittelalters eintritt. Der Talmud in seiner starren Gesetzeswelt sieht plötzlich einen Gegner vor sich, der alle Schranken niederreißt. Für die Anhänger der Kabbala versinkt die irdische Welt In weltentrückter Ekstase schauen die gläubigen Juden den Glanz Gottes, ähnlich wie es die durch die Yogalehren geschulten Inder noch heutigen Tages erleben. Die beiden Richtungen, Talmud und Kabbala, befehden sich und sind sich doch in einem Punkte gleich: sie leben entfernt von der Natur und ihr entfremdet und bleiben daher nur geometrisch ausdrückbar! Wir wissen von den beiden Bildern, die die Kabbala im Geheimen entwirft, von dem Adam Kadmon und dem Sephirotbaume, daß sie im Hexagramm dargestellt wurden. Adam Kadmon, Urbild Gottes und des Alls, Gotteslicht und seine Substanz! Im Hexagramm ruhen noch alle Teile, mit den Gegensätzen rechts und links, männlich und weiblich fest miteinander verbunden, bis sie dann später auseinanderfallen und die Welt „wird"! Das Bild zweier Gegensätze und ihrer Vereinigung zur Triade geordnet bringt auch der „Sohar" in der Darstellung des Sephirotbaumes. Die oberste gilt als die höchste Idee Gottes, die zweite als deren Spiegelbild. Ihre Durchdringung ergibt wiederum das Hexagramm. So liegt die sinnbildliche Verwendung des Hexagramms durchaus im Ideenkreise der Kabbalisten, und die Vermutung liegt nahe, daß es von ihnen aus seine Verbreitung als jüdisches Symbol gefunden hat. In der Tat soll Isaak Luria es im 15. Jahrhundert zum ersten Male so verwendet haben. Keinesfalls aber ist die Grundidee, die das Hexagramm überhaupt zum Symbol erhebt, von den Kabbalisten ausgegangen. Ihre Verwandtschaft mit den Ideen aus griechischer, ägyptischer, babylonischer und indischer Geistesgeschichte führte zur Annahme dieses Symboles. Erst mit der 82

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