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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 81

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Das Davidsschild
Date
1934-05-01
Page
81 (sequence 2)
Language
German
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Johanna Michaelis: Das Davidsschild Stets, wenn der Mensch Ewiges gestalten will, geschieht es in geometrischen Gebilden: Kreisen, Vierecken, Dreiecken usw. Nachbildungen der Natur können metaphysischen Vorstellungen nicht Genüge tun. Erdgebunden bleibt die Kunst, die das Leben in seinen Bewegungen, in seinen schillernden Farben malt, religiös jene, die Punkte, Linien und Kreise ohne Farben zusammenfügt. Die emporstrebende Vertikale der gotischen Kunst ist Ausdruck der leidenschaftlichen Gottessehnsucht der nordisch-mittelalterlichen Welt. So besagt die geometrische Linienführung unseres Symboles unzweifelhaft, daß es sich um ein heiliges Zeichen handelt, wie es sich der Mensch im Ringen um das Bewußtsein von einer Gottesmacht schafft. Im Altertum wird das Mögen Dovid weder als Symbol dargestellt noch genannt. Wir kennen im Judentum als früheste Symboldarstellung die Menora, den siebenarmigen Leuchter. Die Wahl dieses Motivs läßt erkennen, daß die Juden um diese Zeit (etwa um Christi Geburt) noch nicht so naturentfremdet waren, ihren Blick noch nicht allein auf die andere Welt richteten wie die späteren, denen das geometrische Zeichen Symbol wurde. Und dann, welch ein Unterschied zwischen diesen beiden Arten des Symbols und jenen farbenfrohen, uns nur im Worte der Bibel überlieferten Bildern aus der Zeit der Erzväter! Unvermindert lebendig erscheinen uns heute noch die sinnbildliche Kraft des Regenbogens und der Jacobsleiter, die auch moderne Künstler und Schriftsteller immer wieder zur Gestaltung locken. Starke seelische Veränderungen können allein Anlaß zu so verschiedenartigen Bildern gewesen sein. Das naturnahe Hirten- und Nomadenvolk der biblischen Zeit bezeugt seine innige, direkte Verbundenheit mit seinem Gotte in diesen frohen, farbenreichen Bildern. Als die Menora zum Sinnbild wurde, hatten schon Kultur und Gesetz Schranken zwischen den Menschen, der Natur und Gott aufgerichtet. Starr und gebannt erscheinen die Seelen jener Juden, die in dem Mögen Dovid, dessen Linien nicht die Natur, sondern die Zahl bestimmt, ihr Symbol erblickten. Rudolf Kaßner stellt in seinem Werk „Zahl und Gesicht" eine Theorie auf, in der die unendliche Welt des Werdens und der Freiheit, die die Individualität zeugt, der begrenzten Welt des Seins, des Gesetzes gegenübersteht. Hie Zahl, dort Anschauung! Die Mathematik steht als Bindeglied zwischen beiden. Sie gehört der unendlichen Welt an als Wissenschaft, die die Grenzen erweitert, der endlichen Welt aber fügt sie sich als Zahl ein, die heilig und göttlich ist, Ordnung und Gesetz. Von diesem Gesichtspunkt aus läßt sich die Wesensänderung im Judentum, das einst die farbigen Bilder, dann die Menora, schließlich das Mögen Dovid als Symbol betrachtete, am besten verstehen und daraus kann man zu folgern versuchen, warum der Sinn des letzteren 81

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