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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Überalterte Form des Kunstlebens
Date
1934-05-01
Page
78 (sequence 3)
Language
German
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Margot Rieß die erste Bemühung des Berliner Kulturbundes um die zeitgenössische Malerei — eine Ausstellung in den Foyerräumen des Berliner Theaters — uns, die wir die Erziehung zur respektvollen vertieften Auseinandersetzung mit dem Einzelwerk für den einzig beschreitbaren Weg zu fruchtbarerem Verständnis halten, als nicht besonders geglückt erscheinen mußte, braucht nicht besonders betont zu werden. Kunstgenuß en passant ist nicht das, was wir meinen. Es ist auch zu bedenken, daß die technische Entwicklung auf bildend-künstlerischem Gebiete uns auf eine Art neuer „Kammerkunst" gerade hinweist, wie wir durch Radio und Grammophon ganz neue Ansprüche an die Intimität künstlerischen Genießens zu stellen gelernt haben. Jedenfalls kann man es keinem Kunstfreunde verdenken, wenn er es vorzieht, von seinem Schreibtische aus stille Zwiesprache mit einer nahezu vollendeten Reproduktion z. B. einem der bekannten Meisterdrucke nach Cezanne oder van Gogh zu halten, die zudem die Möglichkeit öfteren Auswechseins bieten, als daß er die Unbilden einer Kunstausstellung mit ihrem ständigen Zuviel und anstrengenden Kunterbunt auf sich nimmt. Hier aber sehen wir eine Möglichkeit, einmal aus unserer eigenen Not eine Tugend zu machen, indem wir den Vorschlag der Atelierausstellungen mit einem Nachdruck vertreten, der noch vor kurzem unangebracht gewesen wäre, als auch für den jüdischen Künstler der offizielle Kunsthandel die selbstverständliche Vermittlung mit dem Publikum übernahm und damit dem direkten Verkehr zwischen Künstler und Publikum entgegenwirkte. In unserer heutigen Situation jedoch würden wir nur die Vorteile dieser Form der Kunstdarbietung genießen, die uns schon immer da, wo wir ihr einmal begegneten — es war infolge der genannten Gründe selten — bedeutend genug erschienen sind. Einmal macht man immer wieder die Erfahrung, daß ein und dasselbe Bild ganz anders wirkt, je nachdem man es im Atelier des Künstlers, wo es gleichsam noch atmete, gesehen hat oder auf einer nach oft recht äußerlichen Gesichtspunkten zusammengestellten Stapelschau. Ferner darf man den belebenden Reiz keineswegs unterschätzen, den es für das Publikum hat, die Werke einmal innerhalb der Atmosphäre des Schaffenden zu sehen, ihr selbstverständliches Eingeordnetsein in den Persönlichkeitsbereich des Künstlers zu spüren. Der Künstler wiederum, der heute, da Künstlertum längst nicht mehr mit Analphabetentum identisch ist, oft der beste Interpret seiner Schöpfungen ist, wird die Gelegenheit eines sachlichen Kontaktes mit dem Publikum dazu benutzen, es über Technik und Gestaltung unmittelbar aufzuklären, er wird vielleicht auch einmal überzeugte Kritik an seinem Publikum üben können und „sagen was er leidet". Auch in den sicher zahlreichen Fällen, in denen weniger die bedrängte Lage 78

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