Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Überalterte Form des Kunstlebens
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 77 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Margot Rieß: Überalterte Formen des Kunstlebens Richtlinien irgendwelcher Art tun not, die dazu fuhren, die in allzubehaglicher Passivität halb eingeschläferte Hörerschaft zu einem einigermaßen produktiven Genießen fähig zu machen. Sie müssen dazu führen, von dem Problemhaften, Einmaligen des ^Werkes einen Begriff zu vermitteln. Um an den erwähnten Fall anzuknüpfen: noch bei den Zugaben hätte die Sängerin Gelegenheit gehabt, sich durch einen glücklichen Einfall als Meisterin des Programms zu zeigen; sie brauchte nur ein Lied, das sie soeben in der Schubertschen Vertonung gesungen hatte, in der Brahmschen Fassung zu wählen. Durch eine solche „vergleichende Methode", durch die Berufene das Publikum bereits vor einigen Jahrzehnten sehen gelehrt haben, könnte man es auch -am ehesten hören lernen. Ebenso wäre zu erwägen, ob man einmal der Figaro-Ouverture zu Beginn eines Konzertes die im Aufbau ganz überraschend ähnliche Ouvertüre zu Cimarosas „Heimlicher Ehe" folgen lassen könnte, um so dem Hörer einmal Gelegenheit zu geben, der Unterscheidung zwischen dekorativer und expressiver Musik näher zu kommen, die ihm sonst nur in theoretischer Darstellung auf dem Papier vorgeführt wird. Der Künstler scheue auch nicht allzusehr das erläuternde gesprochene Wort. Wenn einer der Besten unserer Zeit, der Virtuose Edwin Fischer, es nicht für unter seiner Künstlerwürde hält, vom Klavier aus das, was er spielt, auch gelegentlich in lebendiger Rede zu erläutern und dadurch die Hörerschaft auch auf gedanklichem Wege wirklich zu packen, so sollten unsere Künstler auch ruhig einmal den Schleier der absoluten Unnahbarkeit lüften und gelegentlich ganz unprogrammmäßig etwas dazu sagen. Das kann nur anregend, vertrauenweckend und stimmungfördernd wirken. Um wenigstens den Versuch zu machen, den Leerraum zwischen Podium und Hörerschaft zu überbrücken, scheint uns überhaupt seit je eine mit Vorsicht eingehaltene gesunde Mitte zwischen Belehrung und rein passivem Genießenlassen, eine schwache Tendenz zum „Collegium musicum" die nächstliegende, erfolgverheiß endste Möglichkeit. Die größte Sorge der Kulturbünde sei die Erziehung zu einer neuen Art von Ehrfurcht vor dem Kunstwerk, nicht aus jenem -dumpfen Anstaunen heraus, das doch meist nur dem Kunststück im Kunstwerke gilt, sondern auf Grund eines wirklich einfühlenden oder auch nur begrifflichen Verständnisses, wie es in jedem Falle nur die eingehende ernsthafte Auseinandersetzung mit dem einzelnen Werk ermöglicht. Der von uns beanstandeten Buntheit des Konzertprogramms entspricht die übliche Ausstellungswand, bei der ein Bild •das andere allzuleicht um seine Wirkung bringt. Daß 77