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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 76

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Überalterte Form des Kunstlebens
Date
1934-05-01
Page
76 (sequence 1)
Language
German
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Überalterte Formen des Kunstlebens Man sagt — und spricht es gedankenlos nach — daß jede Zeit sich die ihr adäquaten Formen des Kunstlebens von selber scharfe. Richtet man aber erst einmal bewußt sein Augenmerk auf die Formen, in denen sich uns Kunst heute darbietet und anbietet, so fallen einem allenthalben Restbestände einer überlebten Kulturepoche auf, in der das Publikum — auch seiner ganzen soziologischen Struktur nach — anders geartet war als das heutige: weniger verwöhnt und doch in gewissem Sinne kritikfähiger, primitiver und gebildeter, verantwortungsbewußter und vor allem ausgeruhter, weniger zermürbt, daher anspruchsloser und milder. Übergeht man diesen Unterschied, so kann leicht das Gleiche, was damals ein Geschenk, eine Gabe war, heute — eine Zumutung sein. Zum Exempel: man baut einen Liederabend einzig und allein nach dem Prinzip „wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen" auf, und spendet, wie es letzthin in einem Kulturbundkonzert geschah, über zwei Dutzend Lieder der verschiedenartigsten Stimmung wahllos und reihenweise hintereinanderweg. Das braucht „an sich" noch keine Barbarei zu sein, nur ist es nicht (oder vielmehr heute nicht mehr), publikumsgerecht. Diese Programme sind offenbar für ein Publikum berechnet, dessen Konstitution im allgemeinen noch keine Einbuße durch den nervenmordenden Betrieb, den uns das Zeitalter der Technik bescherte, erlitten hat. Zu Beethovens Zeit z.B. hat man noch ganz andere „Bombenprogramme" einem allerdings aufnahmefähigeren, robusteren Publikum bieten können. Die Idee solcher Programme ist doch wohl die, daß der Hörer die in solcher Fülle und Buntheit dargebotenen Werke entweder zum größeren Teil bereits kennt oder sich vorher die Zeit nehmen, kann, sich sinngemäß auf sie vorzubereiten oder aber — gewiß der idealste Fall — imstande ist, sie jedes für sich so aufzunehmen, wie es das betreffende Werk im Sinne des Schöpfers verdient. Darüber, daß alle diese Voraussetzungen, die unsere „bunten Abende" einzig rechtfertigen könnten, für das von uns gemeinte Publikum nicht zutreffen, belehrt eine Nachhausefahrt in der U-Bahn oder ein flüchtiger Einblick in die Unterhaltungen während der Pausen und im Garderobenraum. Aber nicht das Publikum, der Künstler ist schuldig, soweit er als Vortragender oder Dirigent verantwortlich zeichnet 76

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