Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Das verlorene Gesetz
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 74 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Joachim Schoeps Ahnungsdenkens bezeichnet) das Problem der Geschichte als H eilsgeschichte — oder eher ihre Verkehrung in Unheils - geschichte — eine entscheidende Rolle spielt. Der Abfall vom Gesetz der Offenbarung macht die Geschichte zur Geschichte des menschlichen Unheils, das sich auswirkt als zunehmende Ablösung der Welt von ihrer geoffenbarten Bestimmung durch eine einzige dem Ende zueilende Folge von Zerstörungen, die doch aus der menschlichen Verblendung heraus gerade als Emporentwicklung und aufbauender Fortschritt beurteilt werden muß. „Diese Welt ist unsere Verirrung; als solche ist sie aber selbst ein Unzerstörbares oder vielmehr etwas, das nur durch sein Zuendeführen erlöst werden kann — wobei unser Zuendeführen nur eine Folge von Zerstörungen sein kann — aber innerhalb dieser Welt." Die Zerstörung als Folge einer durchgängigen Verblendung des Menschen hat das Gesicht der Welt so gewandelt, daß in ihr jegliche Möglichkeit, die Schöpfungsordnungen durchscheinen zu lassen, erloschen ist und das Auge des Dichters, das nach einem Wegzeichen des Absoluten sucht, nichts sieht als Zerstörung, Unheil, Ungewißheit und Materialisierungen der Daseinsangst. Denn „die bisher immer wenigstens zu ahnende Musik der Welt" ist „zum ersten Male bis in alle Tiefen hinunter" abgebrochen. So deutet die Nachlaßerzahlung „Vom Sinn der Gesetze"1) den Sachverhalt vom Verlust des Gesetzes. Wenn als Situation gegeben ist, daß das Gesetz nicht mehr auffindbar ist, daß der Mensch ohne Gesetz aber nicht leben kann, muß man sich an die halten, an denen, ohne daß sie selber mehr wüßten, die Ahnung des vorhandenen Gesetzes noch am stärksten aufleuchtet — den Adel —, und man muß weiter nach der Deutung des verlorenen Gesetzes streben, um rechtlich — und sei es auch nur eine Karikatur vom Recht — leben zu können. So heißt es: „Wenn wir im Volk also seit ältesten Zeiten die Handlungen des Adels aufmerksam verfolgen, Aufschreibungen unserer Vorväter darüber besitzen und sie gewissenhaft fortgesetzt haben, und wenn wir aus den zahllosen Tatsachen gewisse Richtlinien zu erkennen glauben, die auf diese oder jene gesetzliche Bestimmung schließen lassen, und wenn wir nach diesen sorgfältigst gesiebten und geordneten Schlußfolgerungen uns für die Gegenwart und Zukunft ein wenig einzurichten suchen, — so ist das alles höchst unsicher und vielleicht nur ein Spiel des Verstandes". Solchermaßen also ist die Struktur des verlorenen Gesetzes, daß sich aus zahllosen Tatsachen bestenfalls einige undeutliche Richtlinien erkennen lassen, die auf diese oder jene gesetzliche Bestimmung x) Diese Erzählung ist, ebenso wie die oben erwähnte „Forschungen eines Hundes", in dem von Max Brod und dem Verfasser herausgegebenen Erzählungsband „Beim Bau der chinesischen Mauer" (Berlin 1932) enthalten. 74