Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Das verlorene Gesetz
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 73 (sequence 3)
- Language
- German
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Das verlorene Gesetz Der Prozeß des Abfalls aber, in dem die Welt dem Gesetz verlorengegangen ist, kann sich als eine metaphysische Katastrophe nur in der Geschichte abgespielt haben, soweit und sofern sie die Geschichte der menschlichen Freiheit ist, die in der freien Entscheidung gegen Gott des Heiles verlustig gehen kann. Aus der Situation des Verlorenseins, aus der tragischen Position heraus kann der Abfall als geschichtliches Ereignis der Vergangenheit nicht mehr Inhalt menschlichen Bewußtseins werden, sondern dieses weiß von ihm nur noch in uneigentlicher verhüllter Form, in Form der mythischen Ahnung, wie sie von Kafka meisterhaft ins Symbol geformt etwa in der Erzählung „Forschungen eines Hundes" erscheint. Da hier eine Symbolübertragung der menschlichen Situation, wie sie Kafka erlebt, in die hündische stattfindet, spricht ein Hund aus der Heillosigkeit einer sinnentleerten Welt über die geschichtliche Verfallsentwicklung, wie sie sich seinem Auge darbietet. Die für unseren Zusammenhang wichtigen Sätze lauten: Man rühmt oft den allgemeinen Fortschritt der Hundesdiaft durah die Zeiten.- Ich sehe nur Verfall, wobei ich aber nicht meine, daß frühere Generationen im Wesen besser waren, sie waren nur jünger, das war ihr großer Vorzug.- Es war noch leichter, sie zum Sprechen zu bringen, und wenn es auch niemandem gelungen ist, die Möglichkeit war größer, diese größere Möglichkeit ist ja das, was uns beim Anhören jener alten, doch eigentlich einfältigen Geschichten so erregt. Hier und da hören wir ein andeutendes Wort und möchten fast aufspringen, fühlten wir nicht die Last der Jahrhunderte auf uns. Was ich auch gegen meine Zeit einzuwenden habe, die früheren Generationen waren nicht besser als die neueren, ja in gewissem Sinne waren sie viel schlechter und schwächer. Die Wunder gingen freilich auch damals nicht frei über die Gassen zum beliebigen Einfangen, aber die Hunde waren, ich kann es nicht anders ausdrücken, noch nicht so hündisch wie heute, das Gefüge der Hundeschaft war noch locker, das wahre Wort hätte damals noch eingreifen, den Bau bestimmen, umstimmen, nach jedem Wunsche ändern, in sein Gegenteil verkehren können, und jenes Wort war da, war zumindest nahe, schwebte auf der Zungenspitze, jeder konnte es erfahren. Wo ist es heute hingekommen, heute könnte man schon ins Gekröse greifen und würde es nicht finden. Unsere Generation ist vielleicht verloren, aber sie ist unschuldiger als die damalige. Das Zögern meiner Generation kann ich verstehen, es ist ja auch gar kein Zögern mehr, es ist das Vergessen eines vor tausend Nächten geträumten und tausendmal vergessenen Traumes, wer will uns gerade wegen des tausendsten Vergessens zürnen? Aber auch das Zögern unserer Urväter glaube ich zu verstehen, wir hätten wahrscheinlich nicht anders gehandelt, fast möchte ich sagen: Wohl uns. daß nicht wir es waren, die die Schuld auf uns laden mußten, daß wir vielmehr in einer schon von anderen verfinsterten Welt in fast schuldlosem Schweigen dem Tode zueilen dürfen.' Es ist also Schuld, in ihrem Wesen freilich nicht mehr erkennbare Schuld, die die Welt so verfinstert hat, daß in ihr Gefüge „das wahre Wort" nicht mehr eingreifen kann, weil die „Last der Jahrhunderte es schon zu sehr verfestigt" und die „Hunde" zu „hündisch" gemacht hat Aus diesen Ausführungen geht schon hervor, daß in Kafkas Denken (das man deshalb auch besser als eine Art mythischen 73