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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 75

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Das verlorene Gesetz
Date
1934-05-01
Page
75 (sequence 5)
Language
German
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Hans Keiison / Netter Psalftt Tot sind die alle, Gott, die Dich einst lobten, und anderer Stimmen sind gebannt in Schweigen. Ich sehe, daß sich nur die Bäume neigen, wenn Deine Stürme Würz und Erdreich probten. It^irfst keinen Schatten mehr? Bewegen Deine Kräfte gesetzgebietend Lauf an andrem Ort? Schon tragen weißer Vögel Schwärme mit sich die Wolken auf den Flügeln fort. Verborgen ist mir Deiner Schöpfung Anfang, doch um das Ende trag ich große Sorge. Wie ich mir Mut für jeden Tag nur borge! der Weg zu Deinem Abend ist so lang. (Fortsetzung von Seite 7ä) hinzuweisen scheinen. Darum ist es auch „etwas äußerst Quälendes, nach Gesetzen beherrscht zu werden, die man nicht kennt"; aber „die Gesetze sind ja so alt, Jahrhunderte haben an ihrer Auslegung gearbeitet, auch diese Auslegung ist wohl schon Gesetz geworden". Franz Kafkas Konzeption des vergessenen Gesetzes trägt unzweifelhaft jüdische Züge. Deutet das „verlorene Gesetz" nicht auf den durch die Teilhabe an der abendländischen Säkularisationsgeschichte verloren gegangenen Sinngrund des jüdischen Religionsgesetzes? Und in einem scheinbaren Nebensatz dieser Erzählung liegt die Lösung, die blitzartig die ganze Situation erhellt: „Wir hassen uns selbst, weil wir noch nicht des Gesetzes gewürdigt werden können." Was bleibt in dieser Situation? Sich an die zu halten, die der wahre „jüdische Adel" — die „Zaddikim" — sind, weil sie in ihrer Lebensart und Lebensführung vom Abglanz der Gesetze etwas zu verraten scheinen und den Zweifel, der sich bei der Verborgenheit des Gesetzes notwendig festsetzen muß, als seien die Gesetze Willkürakte des Adels, zu zerstören, denn „das einzige sichtbare Gesetz, das uns auferlegt ist, ist der Adel, und um dieses einzige Gesetz sollten wir uns selbst bringen wollen?" 75

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