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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Figuren zwischen den Zeiten
Date
1934-05-01
Page
63 (sequence 2)
Language
German
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Leo Hirsch: Figuren zwischen den Zeiten form jüdischer Intellektualität, zum Journalismus, ihrer Lebensformlosigkeit; um eine neue jüdische Lebensform zu erleben, hätte er mehr als 75 Jahre alt werden müssen. Er nannte sich nach dem jüdischen Gruß Scholem Alejchem, Friede mit Euch; aber selbst sein Pseudonym schien es ironisch mit ihm zu meinen, denn er fand keinen Frieden. Erfolgreich wie wenige Schriftsteller, optimistisch wie nie ein Humorist, war er doch unstet wie der Ewige Jude. Die Literatur lockte ihn aus der ukrainischen Provinz, die Pogrome vertrieben ihn aus Rußland, die Krankheit aus Amerika, der Krieg aus Europa, 1916 starb er in New York. Vielleicht ist es das einzig Tragische an Scholem Alejchem, daß er von allen Erscheinungen unseres Überganges so viel gutmütige Heiterkeit und das wenigste Talent zur Tragik hatte. Auch seine Figuren sind Zwischenmenschen. Kleinstädter, in deren Provinzialität ein Schimmer von der großen Welt eindringt, oder Kleinstädter, die in die große Welt verschlagen sind. Renommisten — und es ist typisch, was sie renommieren. Während etwa Münchhausen aufschneidet, was er alles getan hat, renommieren Scholem Alejchems „Helden" mit allem, was sie getan hätten, wenn — oder tun wollten, wenn — oder angefangen haben. Münchhausen schneidet auf, weil er Baron ist und sichs leisten kann, Menachem Mendel, weil er kein Baron ist und sichs nicht leisten kann. Und eigentlich schneidet Menachem Mendel gar nicht auf, und so ist der Unterschied zwischen Münchhausen und ihm der Unterschied zwischen Lügen und Projekten, aus denen nur nichts geworden ist. Im übrigen gibt es bei Münchhausen nur das eine Leben seiner Phantastik, bei Scholem Alejchem immer als kontrastierenden, die Phantasie ironisierenden Hintergrund auch noch das reale Leben. Eine doppelte Lichtbrechung entsteht und wird zum eigentlich humorbildenden Reiz: Scholem Alejchems Welt ist die patriarchalische Idyllik des Ostens, gesehen durch die Brille des aufsteigenden Kapitalismus, und dieser kleinbürgerliche Kapitalismus, gesehen durch die Brille des patriarchalischen Idyllikers. Es gibt zwei Formen der Welt-Überwindung: Religion und Humor, und es ist bezeichnend, daß die jüdischen Humoristen gerade in dem Augenblick in Erscheinung treten, in dem ihr Publikum die jüdische Religion vernachlässigt, und daß der Osten den gleichen Abstand von Deutschland, den er in der Vernachlässigung der Religion wahrt, sich auch in der Hervorbringung seiner Humoristen sichert. Drei Jahre nach Heines, ein Jahr nach Saphirs Tode kommt Scholem Alejchem zur Welt. Scholem Alejchems Menachem Mendel ist ein Enkelsohn von Heinrich Heines Hirsch Hyazinth, und zwar ein heruntergekommener; der Hamburger Lotteriekollekteur und Hühneraugenschneider hat eine moralisch und wirtschaftlich nicht hervorragende, aber 63

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