Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Figuren zwischen den Zeiten
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 62 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895529-2903865--07077-2903913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leo Hirsch: Figuren zwischen den Zeiten Zu Sdtolem Alejchems 75. Geburtstag Das Leben des Menschen, sagt ein Raisonneur von Scholem Alejchems Prägung, gleicht dem Leben eines Schusters! Wieso?, fragt der andere, und der tiefsinnige Philosoph antwortet: Heute lebt er, morgen stirbt er. — In diesem Bescheid steckt der ganze Scholem Alejchem: Der Humorist, der uns auf eine unerhörte Lebensweisheit gespannt macht und uns an ihrer Stelle eine unerhörte Banalität überreicht, die aber so natürlich, so wenig hoch ist, daß man sie fast tief nennen könnte; das Lächeln darüber, daß es nun doch eine Weisheit ist, erhält den sauersüßen Beigeschmack von Resignation, weil man selber nun abermals der Gefoppte ist Die Skala von Scholem Alejchems Wirkungen ist also: 1. Spannung des Ernstes; 2. Lachen der Überraschung; 3. Lächeln der Einsicht; 4. Wehmut der Ohnmacht. Die Reihenfolge kennzeichnet den Humoristen der Übergangszeit. Die Reihenfolge der Wirkungen, die Humoristen auf der Höhe ihrer Zeit und ihres Volkes hervorbringen, ist gerade umgekehrt, und an Stelle der „Spannung des Ernstes" schließt ein Lachen der Befreiung sie ab. (Oder, um es von einer anderen Seite anzusehen: Was Wilhelm Büschs merkwürdiger Engländer mit dem Fernrohr folgendermaßen ausdrückt: „Warum soll ich nicht beim Gehen, spricht er, in die Ferne sehen? Schön ist es auch anderswo, und hier bin ich sowieso —das würde in Scholem Alejchems parodistischem Tonfall etwa so klingen: „Wozu in die Ferne schweifen? Sieh, das Mieße liegt so nah!") Man hat Scholem Alejchem, der jetzt seinen 75. Geburtstag hätte feiern können, vielfach einen Klassiker der jüdischen Literatur genannt; er ist das Gegenteil, ein Zwischentyp, eine Übergangserscheinung. Selbst sein Leben war dafür charakteristisch. Er war zuerst Rabbiner und zuletzt amerikanischer Journalist. Sein Weg ging also vom Rabbinismus, der strengen Lebens- 62