Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Figuren zwischen den Zeiten
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 64 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch: Figuren zwischen den Zeiten sichere Existenz, Menachem Mendel aber ist der „Luftmensch" par excellence. Wenn man Scholem Alejchems wesentliches Werk und seine eigentlichste Mission kennen will, so mag man sie in der Schöpfung des Wortes und Begriffes „Luftmensch" suchen. Es ist das Schlagwort, das in der schlagendsten Knappheit seine und überhaupt eine jüdische Situation dokumentiert, und das Bewußtsein, Luftmensch zu sein, ist schon der erste Schritt über das Luftmenschentum hinaus. Das Luftmenschentum ist zugleich die Grenze von Scholem Alejchems Welt und von der sämtlicher anderen jiddischen „Klassiker". Da nennt man gewöhnlich für die epische Prosa das „Dreigestirn" Mendele Mocher Sforim, I. L. Perez und Scholem Alejchem, für die Lyrik Frag und Morris Rosenfeld, für das Drama noch Anski und Schalom Asch. Es muß erlaubt sein, hier einmal mit europäischen Maßstäben zu messen. Rosenfeld ist ein larmoyanter Kitschier, Frag ein Heine-Epigone. Es gibt keine jiddischen Lyriker, aber es gibt eine wunderbare jiddische Lyrik: in den Volksliedern. Anskis Dybuk und Schalom Aschs Gott der Rache (man verzeihe die Zusammenstellung) sind überaus wirkungsvolle Theaterstücke, aber keine Dramen. Mendele ist unbedingt ein Erzähler von Dickens-Format, aber kein Dichter von Goetheschem Ausmaß und kein „jüdischer Cervantes", wie Sakheim behauptet; Perez ist schon ein Dichter, aber etwa von der Größe der Heyse, Claudel, Mallarme, und Scholem Alejchem, den Mark Twain bezaubernderweise als den „jüdischen Mark Twain" an der New Yorker Landungsbrücke begrüßte, wäre unserer Meinung nach eher mit Jerome K. Jerome zu vergleichen. Aber man soll nicht vergleichen, und so soll man auch die jiddische Sprache nicht an anderen messen. Alle diese Autoren haben soviel Innigkeit, Zärtlichkeit, Liebe, Traurigkeit und lachende Tränen in das Jiddische hineingedichtet, wie die emanzipierten Verächter dieses Idioms mit ihrem Dünkel zu kapieren nie imstande sein werden. Die Sprache, aus der erst Goethe die Sprache der Dichter und Denker (denn erst die nachgoetheschen Denker Schopenhauer und Nietzsche schrieben deutsch!) gemacht hat, war einmal die Kanzleisprache gewesen, und die Sprache, in der Scholem Alejchem keine „Ewigkeitswerte" schaffen konnte, hatte solche Ewigkeitswerte in chassidischen Legenden, herzhaften Anekdoten und jauchzenden und schluchzenden Liedern längst geschaffen. Die Aufgabe der vorigen ostjüdischen Generation war nicht, Endgültiges zu schaffen, sondern Erstarrtes zu lösen und das Chaos zu klären. Dazu sind Realisten, Detaillisten notwendig, keine Titanen. Wir werden sie um so besser würdigen und verstehen, wenn wir sie als Detaillisten würdigen. Leider werden auch diese Klassiker heute schon mehr gelobt als gelesen. 64