Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Das möblierte Zimmer
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 60 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Meta Samson Zimmern. Sie besaß eine oder mehrere Angestellte. Sie hatte für ihre Kinder ein „Fräulein", und ihre Zeit war völlig mit dem Bemühen ausgefüllt, dieses Räderwerk in Gang zu halten, von der materiellen Basis um keinen Zoll zurückzuweichen und sorgfältig alles einzuhalten, was ein solches Leben verlangte: Ernährung, Kleidung, gesellschaftliche Pflichten, eine oberflächliche, aber für diese Kreise ausreichende Übersicht über das neue Buch, das neue Theaterstück, das „letzte" Ereignis. Meist ähnelten sich diese jüdischen Familien wie ein Ei dem anderen und unterschieden sich nur durch die äußeren Wechselfälle des Lebens wie Reisen, Krankheiten, Beruf. Selten kam es vor, daß eine aus diesen Kreisen stammende Frau Persönlichkeitswerte durchzusetzen suchte, daß sie die Bildungsschicht, die alle Ritzen und Lücken ihres Lebens verkittete, durchschlug, um sich etwas Eigenes zu erschaffen. So trug auch das Verhältnis von Mann und Frau weniger den Stempel zweier Persönlichkeiten, die in der gegenseitigen Durchdringungsich selbst gestärkt und zum zweitenmal geboren zurückerhalten, sondern den des Ernährers und der Ernährten. In gewissen Jahrzehnten war das das Einzige, was die jüdische Frau begriff: daß sie die Kraft ihres Mannes für die Härte des Existenzkampfes zu schonen hatte, um ihren Lebensstandard nicht verlassen zu müssen. Eine Veränderung auf diesem Gebiete erfüllte sie mit Lebensangst und Unsicherheit; denn die Familie war der Boden, in dem sie verwurzelt war. Die Wohnung mit ihren hübsch eingerichteten Räumen ordnete das Leben wie von selbst. Das Eßzimmer, in dem gegessen wurde, das Herrenzimmer, in dem geraucht und Skat gespielt wurde, das Wohnzimmer, in dem Frau Soundso zum Tee gebeten wurde, — sie waren die eigentlichen Beherrscher des häuslichen Lebens, das vom Teppich bis zum Tortenschieber so geführt wurde, wie man es in einem „guten jüdischen Haus" und von einer „guten jüdischen Hausfrau" erwartete. Der Besitz hat seine Geltung verloren; das Silber auf dem Tisch, das schöne Damasttuch sind überflüssig geworden. Das wohlschmeckende Essen, das adrette Dienstmädchen gehören einer vergangenen Epoche an. Was der Mann als Ernährer, die Frau als Erhalterin geschaffen haben, muß für einen Spottpreis verkauft werden oder auf dem Speicher verkommen. Es gibt nichts mehr zu „repräsentieren", man kann nicht mehr elegante Räume, man muß sich selbst stellen. In der allgemeinen Menschheitsgeschichte gibt es eine Parallelerscheinung zu diesem Geschehen. Als die Tracht durch die Mode abgelöst wurde, die alles gleich machte, was durch Stand und Herkommen gesondert und ausgezeichnet war, wird der Mensch, der sich vorher durch seine Kleidung ausgewiesen hatte, auf sich selbst verwiesen. Die jüdische Frau, die ihr Haus verliert und mit ihm 60