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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 59

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Das möblierte Zimmer
Date
1934-05-01
Page
59 (sequence 2)
Language
German
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Meto Samson: Das möblierte Zimmer Auflösung der Familie, ihre Vertreibung aus Heim und gewohnter Zusammengehörigkeit, muß große und bisher unübersehbare Wirkungen zeitigen. Sie muß vor allem den Typ der jüdischen Frau grundlegend verändern. Die jüdische Frau war mit ihrer Familie in einer Weise verschmolzen, daß man von ihrer Persönlichkeit nur noch wenig verspürte; mit dem Mann heiratete sie eine Reihe von Tanten und Onkeln, von Nichten und Neffen, und ihre Sorge, ihr Verantwortungsgefühl erstreckte sich auf alles, was zu ihrer Verwandtschaft gehörte. Soll man ihr Schicksal beklagen oder kann man es begrüßen, daß die äußeren Umstände ihrem Tun und Denken eine so unerwartete Wendung geben? Noch die Frau des Ghetto war erlebnisfähiger, innerlich reicher trotz äußerer Armut. Vollauf beschäftigt mit der Einhaltung jüdischer Gebräuche, mit den vielen Vorschriften, die bis in die kleinsten Handlungen des Alltags hinüberreichten, sah sie mit Verehrung zu ihrem Mann auf als dem Mittler, der sie und die Kinder zu göttlicher Weisheit hinführte, der sie für den Messias vorbereitete. Mit bedingungsloser Hingabe unterwarf sie sich allem, was dieses religiöse Leben verlangte, was ihr Mann als Organ dieses Lebens forderte. Um ein Beispiel für diesen Frauentyp zu geben, nenne ich Sure Riffke in Schalom Aschs Buch „Die Mutter". Sie trägt bewußt die Lasten des Alltags, die Bürde der Armut, um der Idee zu dienen, der ihr Mann sich weiht. Niemals hätte sie ihre „Lernkinder", die in die Lehren des Judentums eingeführt werden sollten, mit nichtigen Arbeiten gequält. Mit erstaunlicher Ehrfurcht vor dem Dienst am Geiste flüchtet sie zu ihren Töpfen, die etwas hergeben müssen, wenn auch nichts zum Kochen da ist Sie glaubt an ihre Kraft, und diese Tapferkeit bedeutet ein Mysterium, das sich zwar nicht öffentlich, aber hinter vier einfachen und armseligen Wänden abspielt; sie zeigt uns einen bis an die letzte Grenze erprobten und erfüllten Opfersinn. In dem Augenblick, in dem das religiöse Leben nicht mehr Halt und Kraft gibt, in dem das Gemeinschaftsschicksal die einzelnen Menschen nicht mehr unlöslich aneinander kettet, in dem Wohlstand und Bildung viele Türen öffnen, verändert sich das Gesicht der jüdischen Familie. Der Mann, vorher Mittler der Weisheit und religiösen Lebens, wird jetzt in erster Linie zum Ernährer und Erhalter seiner Familie, die Frau zur Bewahrerin des eingebrachten Gutes. Das jüdische Bürgertum entsteht und gelangt allmählich zu einer Wohlhabenheit, die der Frau des Hauses neben ihren Pflichten zahllose Verpflichtungen auferlegt. Aus einem gemeinsamen Schicksal wird ein gemeinsamer Lebensstandard, für den man arbeitet und kämpft. Die Frau des gehobenen Mittelstandes lebte je nach der Kinderzahl in einer Wohnung von fünf und mehr 59

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