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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 61

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Das möblierte Zimmer
Date
1934-05-01
Page
61 (sequence 4)
Language
German
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Das möblierte Zimmer den Rang, den sie über den eigenen Familienkreis hinaus innehatte, muß nun ihre Persönlichkeit wiederfinden. Die meisten weichen vor dieser Aufgabe zurück; der Weg zu ihr ist verbaut und verlagert. Sie suchen zu retten, was noch zu retten ist, indem sie in ihre möblierten Zimmer alles hineinstopfen, was an ihren früheren Lebensstandard erinnert. Sie wollen in der Küche, deren „Benutzung erlaubt" ist, ihre hausfraulichen Fähigkeiten beweisen und bemerken dann, daß sie gerade nur geduldet und auf Schnellgerichte angewiesen sind. Alles muß vermieden werden, was raum- und zeitraubend ist. Andere Gefäße, andere Dinge, andere Gewohnheiten werden notwendig, viele alte überflüssig. Ein zu pompöser Brotkorb, eine zu große Obstschale, die in der eigenen Wohnung ihren Sinn erfüllten, können jetzt im Wege stehen und Platz und Luft nehmen. Dieses ungewohnte jüdische Frauenschicksal verlangt einen völligen Verzicht auf jede Art des „Besitzergreifens", eine völlig neue Einstellung zum Leben. Nicht mehr im Erhalten und Bewahren, sondern im Verlieren und Verlassen muß die jüdische Frau von heute ihre Aufgabe erblicken. Ihre Familie ist zersprengt, über die Kinder hat sie keine Gewalt mehr, weil äußere Umstände entscheidend eingriffen. Ihre häuslichen Tugenden und Fähigkeiten finden kein Feld der Betätigung mehr. Trotz alledem kann es zum Segen werden, daß der allzugroße Apparat der Häuslichkeit mit seinem teilweise unverhältnismäßigen Kräfteverbrauch zusammengebrochen ist. Ähnlich der Sure Riffke muß nun die jüdische Frau alles aus dem Nichts schaffen, und zwar nicht nur materielle, sondern jetzt auch geistige Werte. Sie muß das Verhältnis zu Mann und Kindern neu gestalten, ohne Bindung an überkommene Formen, ohne „Verpflichtung". In ihrem Herzen und in ihrem Geist muß sie die Wege zu einem Zuhause finden, das die Familie nicht durch Räume und Bequemlichkeiten, sondern durch einen gemeinsamen starken Lebensinhalt zusammenhält. Gefühls- und Gedankenformen waren erstarrt. Das gesellschaftliche Leben, die Erziehung der Kinder, die Wahl der Freunde und Bekannten, die Anwendung der Fähigkeiten wurden von Gründen bestimmt, die keine „Beweggrunde" waren. Aus den Erfahrungen des „möblierten Zimmers" muß das jüdische Heim neu geboren werden! Jedes Stück, das uns darin selbst gehört und dem veränderten Leben angepaßt ist, jeder Mensch, der uns aus der Fülle der Bekannten verbleibt, sind weg- und richtungweisend dafür, daß wir unser Ziel nicht verfehlen. Nicht die Fünf-Zimmer- Comfortwohnung, sondern das „möblierte Zimmer" schafft den Typ der neuen jüdischen Frau, die jetzt nicht nur aus leeren Töpfen, sondern auch aus leeren Formen das Neue bereiten muß, von dem Mann und Kinder satt werden. 61

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