Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Erneuerung der Bibelwissenschaft
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 57 (sequence 5)
- Language
- German
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Erneuerung der Bibelwissenschaft Umrisse und die Farben der ursprünglichen Schöpfungen herauszuholen, um ein lebendiges Bild der Eigenbewegung der Literatur in der Zeit ihrer Schöpfung zu erarbeiten, zugleich aber die Kräfte zu erfassen, die zur Einheit drängten und sie schufen." Die Beschränkung der Exegese und der Verständlichmachung der Einzelteile auf das erste Buch Mose hat, wie auch aus der Heranziehung zahlreicher Bibelstellen außerhalb der Genesis in Jacobs Kommentar selbst deutlich wird, den Nachteil, daß die Einheitlichkeit der großen Teile, die durchlaufend von Anfang an bis an das Ende des 2. Königbuches kenntlich sind und sich deutlich abheben, in diesem Rahmen gar nicht aufgezeigt und charakterisiert werden kann. Ein Genesis-Kommentar für sich kann also noch gar nicht die herrschende Lehre der alttestamentlichen kritischen Schule entwurzeln. Diese Lehre besteht in nichts Geringerem als in der — bis heute jedenfalls noch nicht wirksam widerlegten — These: Die Fäden, die den Erzählungsstoff der heutigen Genesis zu einer Einheit verbinden, entstammen durchaus, der späteren Ideologie eines am besten als Jahve-Religion zu bezeichnenden religiösen Stadiums der altisraelitischen Geistesgeschichte. In der Urgeschichte schimmert noch eine andere außerisraelitische Verknüpfung durch. Das übrige Erzählungsgut lebte ursprünglich in der Form der Einzelerzählung, bevor es zu der auch von Jacob betonten literarischen Einheit der vorliegenden ausgesprochen religiös-politischen Prägung und moralischen Färbung verbunden wurde. Wie sehr das Gesamturteil bei einer isolierten Betrachtung und Kommentierung des ersten Buches gehemmt sein muß, erhellt beispielsweise etwa auch daraus, daß die Genesis erst von der Auszugstradition die eigentliche Beleuchtung erfährt, da die Erzvätertradition als Vordatierung der Rechtsansprüche auf Kanaan wohl mit Händen zu greifen ist; das Erwählungsbewußtsein Israels wird durch die Schicksale der Erzväter erhärtet. Jacob kämpft mehr gegen die nach seiner Ansicht nicht logische, sondern höchst willkürliche Zuteilung der Einzelpartien, Sätze und Halbsätze zu „P", „J" oder „E" an. Um so mehr erfreuen wir uns der minutiösen Wort- und Sacherklärung im Großen und Kleinen. Die ständige Heranziehung der klassischen jüdischen Kommentatoren des Mittelalters, die Konfrontierung mit den alten Übersetzungen und Erklärungen, die eigene klare und eindringliche Entscheidung, vor allem die sprachwissenschaftliche Durchdringung machen dieses Grundwerk Jacobs zu einer Meisterleistung, der wir in neuerer Zeit nichts Ähnliches zur Seite stellen können: ein jüdisches Werk, das zu den erwähnten, vielversprechenden Anfängen einer arteigenen jüdischen Bibelwissenschart ohne fremde Tendenzen eine höchst erfreuliche Fortsetzung bildet. Mit Hilfe eines solchen Werkes, das der Verfasser — wir wiederholen — ausdrücklich 57