Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Erneuerung der Bibelwissenschaft
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 54 (sequence 2)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger Die beiden Kreise, in denen allein die Bibel ernstlich erforscht wurde, trafen sich nur in der Exklusivität ihrer Bemühungen. Juden und Nichtjuden außerhalb der Orthodoxie und der christlichen Universitätstheologen beteiligten sich an einer wirklichen Durchdringung des biblischen Stoffes nicht, ja nahmen nicht einmal die Ergebnisse so ausgedehnter und eindringender Forschungen zur Kenntnis. Eine moderne jüdische Bibelwissenschaft mit eigenen Fragen und Antworten kam über die ersten Ansätze nicht hinaus. Erst in neuester Zeit ist im jüdischen Lager namentlich von drei Seiten der vielversprechende Anfang zu einer Bibelerforschung aus jüdischem Geist ohne Ignorierung oder Rückgängigmachung der objektiven Funde der letzten Jahrhunderte gemacht worden. Martin Buber wendet sich in seinem Grundwerk „Königtum Gottes" (1932) dem biblischen Zentralproblem der Entstehung des Messianismus zu. Er stellt weder das biblische Wort als zeitlosen Text außerhalb der Wandelbarkeit menschlicher Geistesentwicklung, noch geht er an der traditionellen christlichen alttestamentlichen Wissenschaft vorüber. Aber er läßt sich seine Wege und Ziele nicht von fremden Tendenzen vorschreiben; die Eigenbegrifflichkeit der jüdischen, der biblischen Welt wird durch ihn wieder hergestellt. Elias Auerbach ist in dem ersten, leider einzigen bisher erschienenen Band seiner Geschichte Israels, „Wüste und Gelobtes Land", der bis zum Tode Salomos reicht, viel radikaler als Buber verfahren. Aber dieses strahlende ehrliche Buch, das unbeirrbar mit den Methoden der modernen Geschichts- und Sprachwissenschaft, besonders der Archäologie arbeitet und unbefangen alle Positionen der alttestamentlichen Forschung prüft, verwirft und sich zu eigen macht, ist ein echt jüdisches Werk über die Bibel; wird doch darin auf Schritt und Tritt ein zwanzigjähriges reiches Leben in Palästina sichtbar. Diese langjährige Vertrautheit mit Land und Leuten gibt der Arbeit Auerbachs trotz ihrer rationalen Methode Farbe und Leben. Ganz anders als etwa das alte frühgeschichtliche Europa oder Amerika lebt in der Tat der alte Orient noch im heutigen, und was in den Büchern der Bibel zu lesen ist, gewinnt unmittelbare Verständlichkeit durch das, was in Palästina noch bis in die jüngste Vergangenheit vom Verfasser erlebt wurde. Es ist so, wie Auerbach selbst sagt — und das macht sein Bibelbuch zum jüdischen Buch: „Die Gewohnheiten des Nomaden und des Bauern, die Formen von Gesprach und Verhandlung, des Volkes Brauch, Glauben und Aberglauben sind noch die gleichen wie vor 3000 Jahren. Vor allem aber ist das Land das gleiche, mit seinem Klima, seinen Bergen, Ebenen und Flußtälern, seinen Straßen und Siedelungspunkten. Lebendige Anschauung der Örtlichkeit öffnet die Augen für die Ereignisse, die hier abgerollt sind, für geographische Notwendigkeiten und Unmöglichkeiten." 64