Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Jüdischer Journalismus heute
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdischer Journalismus heute mal muß er es auch heute noch. Die journalistische Maschine läuft mitunter hohe Touren, manchmal schneller als es dem Leser bekömmlich ist. Worte, die in Schlagzeilen prangen, wirken dabei stillos, weil sie nicht an ihren Platz gehören, sondern ein weltanschauliches Pathos in Bezirke hineintragen, wo es besser fehlen würde. Manchmal muß man Mitleid haben mit solch einem gequälten Wort, das dann jeder nach seiner Fasson auffaßt. Die Gefahr einer Verkrampfung des publizistischen Stiles, ja der ganzen jüdischen Publizität tritt immer wieder hervor; besonders wenn die einen sich sicher und wohlbehalten in ihren vermeintlich zeitgemäßen Anschauungen wähnen und die anderen, die sich mühen müssen, mit dieser Zeit fertig zu werden (und das müßten ja alle), bei diesen Selbstsicheren nur herabgezogenen Mundwinkeln begegnen. Und dabei wissen wir alle, daß die Wirklichkeit sich heute nicht in einfache Formeln einspannen läßt und fertige Rezepte in unserer Lage unbrauchbar sind. Das Bemühen um Erkenntnis ist keine leichte Sache. Denn auch dem Unwillkommenen muß man ins Auge sehen, und den eigenen Fehlern darf man nicht ausweichen. Die jüdische Zeitung ist heute ein Instrument der Erwachsenenbildung und einer geistigen Erziehungsarbeit, die aufbauend sein soll. Mit der, wenn auch unausgesprochenen Parole „es wird schon werden" ist da wenig getan. Feststellung von Tatsachen darf nicht mit Pessimismus verwechselt werden. Eine jüdische Zeitung, die heute nicht immer wieder unaufdringlich, aber doch beharrlich ihre Leser an die Wirklichkeit heranführt und an der Härte des Gegebenen überkommene Vorstellungen und Haltungen mißt, weiß nichts von ihrer Aufgabe. Sie weiß noch viel weniger davon, wenn sie über jüdische Notwendigkeiten hinweggeht, um sie einem falsch verstandenen Optimismus zum Opfer zu bringen. Auch die jüdische Presse weiß: Journalismus ist Sammlung, Sichtung und Vermittlung von Nachrichten und Meinungen vom Tage, aber in Richtung auf geistige Gesamtziele. Dieses Gemeinsame, dieses Bemühen um einen einheitlichen Willen hat heute fast jede jüdische Zeitung auf ihre Art. Die Vielgestaltigkeit und Vielfarbigkeit des jüdischen Lebens tut dem keinen Abbruch (ebensowenig umgekehrt). Und das ist viel wert. Denn diese Gemeinschaftsraison hat immerhin — so schwach sie zuweilen auch ist — eine Atmosphäre geschaffen, die an sich schon eine seelische Entlastung bedeutet und fruchtbare Erörterung sachlicher Fragen möglich macht. Aber es soll auch nicht verschwiegen werden, daß man manches Mal das unliebsame Gefühl hat, als werde vieles zerredet und das Naheliegende nicht gesehen. Oft ist man geistreich und gebildet, wo es auf ein- 51