Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Jüdischer Journalismus heute
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Arno Herzberg: Jüdischer Journalismus heute fache Dinge ankommt. Bei der Auswahl der Stoffe, aber vor allem bei ihrer Darstellung steht zuweilen ein überflüssiger Intellektualismus Pate, der die auch in der deutschen Judenheit bestehende Spannung zwischen Berlin und der Provinz mißachtet. Das Bemühen, um jeden Preis Niveau zu haben, wirkt abschreckend. Der Leser fühlt sich nicht angesprochen. Er hat das Gefühl, da tragen ein paar Leute etwas unter sich aus, was ihn jedoch nichts angeht. Schließlich kann z. B. ein Hervorholen historischer Begebenheiten nur dann einen Sinn haben, wenn sie, der Gegenwart gegenübergestellt und mit dem Maßstab von heute gemessen, ihren Sinn erweisen. Die neuen Aufgaben der jüdischen Presse erfordern ein Gefühl für jüdische Lebensmöglichkeiten und jüdisches Wesen, ein Einssein mit der Seele des jüdischenMenschen,seinenInteressenundBedürfnissen, die nicht immer und überall vorausgesetzt werden dürfen. Solche Anforderungen an Sachkenntnis und Durchdrungensein mit jüdischem Lebenswillen sollten auch vom Leser nach Gebühr geschätzt werden. Würden sie nicht erfüllt, so wäre der jüdische Journalist nur Pointenjäger und Stilkünstler, aber nicht ein verantwortlicher Träger jüdisch-öffentlichen Lebens und jüdisch-öffentlicher Meinung. Hierbei wird kein Journalist je auslernen. Es kommt nur darauf an, ob er genug lernt, stets und ständig lernt. Ob er Persönlichkeit genug ist, um seinen Aufgaben gewachsen zu sein. Jede Zeitung ist soviel wert, wie diejenigen, die sie schreiben. Zuletzt freilich ist Journalismus doch nichts Gelerntes oder Lehrbares, sondern etwas Angeborenes. Das Bemühen um die Erfüllung der neuen Aufgaben hat die ganze jüdische Presse zu etwas anderem gemacht als sie je war. Sie zieht jetzt die Totalität des jüdischen Lebens in ihren Bereich. Das bezeugt schon die Zahl der stetig sich vermehrenden Beilagen; wobei aber auch hier manchmal zu bemerken ist, daß weniger mehr wäre. Die Versuchung, geistige Intensität und Zielbewußtsein des politischen Willens durch Quantität zu ersetzen, um der Konkurrenz ein Schnippchen zu schlagen, ist dabei offenbar eine Gefahr. Zwar diejenigen, die in der jüdischen Presse schreiben können, sind nicht übermäßig zahlreich. Andererseits aber wandelt sich die jüdische Presse unter der Fülle der Anforderungen sichtbar von der Zeitschrift zur Zeitung. Diese Entwicklung kommt nicht nur in der Wahl des Stoffes, sondern auch in seiner Verarbeitung zum Ausdruck. Sie wird dem jüdischen Journalismus neue Aufgaben, Grenzen und Ziele setzen. Daß jedoch unter dieser wachsenden Quantität die Intensität nicht leide, ist nicht nur ein Wunsch, sondern auch eine Forderung. Arno Herzberg 52