Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Stifters Abdias
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 36 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Stammes werden, wenn seine übermächtige, ihrem Wesen nach prophetische, d. h. ausschließlich auf das Heil gerichtete Kraft ihr Ziel nicht findet und auf rein irdische Wege gerät? Der Stern der Verheißung war einen Augenblick über der verborgenen Höhle der alten Wüstenstadt aufgeleuchtet, als der Knabe Abdias in ihr geboren wurde. Aber weil niemand sein Licht erblickt und den Knaben seiner Bestimmung zugeführt hat — darum muß sich das Schicksal und seine eigene gewaltige Kraft gegen sich und alles, was er liebt, kehren: er muß aus dem schuldlosen träumenden Knaben zum harten bösen Händler werden; er muß seine eigene Heimat verraten, sein Liebstes vertun und verderben; es muß sich unter seinen sorgenden Händen verbluten; er muß das treueste Wesen mit eigener Hand erschießen; er muß mit der Häßlichkeit geschlagen werden, die ihn aus dem Kreis der Liebe entrückt, und eben in dem Augenblick, da er dennoch in diesem Kreis wieder aufgenommen wird, muß ihm die, die ihn aufnimmt, sterben. Dem Kinde, das ihm die Schöpfung erschließt und das ihm alles Leben vertritt, muß selber Schöpfung und Leben durch seine Blindheit verschlossen sein; und es muß in all seiner Unschuld ihn in neue Schuld und Verfehlung stürzen. Und als ein Wunder ihm dann dennoch die Augen öffnet und es sich unter den Händen des Vaters zu reinster Schönheit des Leibes und Geistes entfaltet, da muß dieselbe Kraft, die ihm das Augenlicht gab, es zerschmettern. Die Schöpfung selbst steht wider ihn auf. Weil der Stern, der über seinem Hause erschien, ungesehen verblich, weil das mit diesem Leben Verheißene in Vergessenheit geriet — darum mußte alles so kommen, wie es kam. Aber eben weil es so kommen mußte, darum leuchtet durch die Kette unsinniger und unseliger Begebenheiten, die dies Leben bilden, dennoch etwas wie ein verborgenes Licht hindurch. Denn wenn uns an diesem von Fluch und Segen gleichermaßen getroffenen und endlich mit Wahnsinn geschlagenen Leben die Ahnung des unentrinnbaren Zusammenhanges von Auserwählung und Verwerfung aufgeht, dann berührt uns darin vielleicht wirklich letzthin der Schimmer eines Blattes aus jener unerbittlichen heiteren Blumenkette, die unerschlossen als „heiliges Rätsel" durch die Welt hängt — dieser Kette, von der nur erst einzelne Blätter aufgedeckt sind, von deren Zusammenhang wir erst „kaum das Tausendstel des Tausendstel ahnen" und deren Gesamtsinn erst am Ende der Tage klar sein wird. Denn so sagt der Dichter: „Und haben wir dereinstens recht gezählt, und können wir die Zählung überschauen: dann wird für uns kein Zufall mehr erscheinen, sondern Folgen, kein Unglück mehr, sondern nur Verschulden." Nur Folgen, nur Verschulden. Wenn so das Verschulden zum Schlüssel allen Schicksals wird, dann 36