Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Stifters Abdias
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 35 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Stifters Abdias Unfaßliche: bei einem furchtbaren Gewitter schlägt der Blitz in das Zimmer des heranwachsenden Mädchens ein, und der ungeheure Schreck öffnet mit jäher Gewalt ihre blinden Augen. Abdias stürzt auf ihren Schrei herein. Und selbst dies entsetzensvolle Wunder ersten Sehens, das ihn wie das Kind in allen Lebenstiefen erschreckt und aufrührt, weiß er, der noch Kranke, sofort mit der vollkommensten Geistesgegenwart, mit der sicheren Klugheit des aus Liebe wissenden Menschen, lange bevor der Arzt kommt, in die richtigen Bahnen zu lenken. Daß das Gewitter ihm das Dach des Hauses und ringsum die Ernte zerschlagen hat, wird er erst sehr viel später gewahr; es berührt ihn nicht. Und wieder ändert Abdias von einem Augenblick zum andern sein Leben. Er gibt jeden Erwerb, jeden Handel, jede Habsucht und allen Geiz völlig auf und ist von nun an auch im Freien nur noch neben seiner Tochter zu sehen, die er aus der Verschlossenheit ihrer Blindheit mit so sicherem Instinkt, als tauchte er selbst aus ihr auf, in die sichtbare Welt einzuführen strebt. Immer bleibt der halbnächtige Traum der Unsichtbarkeit der Dinge wie ein leiser Schleier über dem Leben des Mädchens, färbt ihre Wahrnehmung und ihre Sprache und macht das Wunder ihres leiblichen und geistigen Aufblühens um so zarter und lieblicher. Sie ist ganz und gar eines der traumhaften unschuldigen und immer etwas rätselhaften Frauenbilder Stifters. Und ganz in die Liebe ihres Vaters eingehüllt, von ihm gleichsam zum zweitenmal erschaffen, ist sie selbst voll von Liebe zu dem Einen, auf den sie all ihr Erleben bezieht, ja von dem sie glaubt, „daß er es sei, der ihr die ganze sichtbare Welt geschenkt habe", diesen als Erstes in der Welt erblickten Menschen, der nur ihr allein nicht häßlich erscheint. Als sie sechzehnjährig eben in ihre volle Blüte eintritt, schlägt eines Tages, wiederum bei einem schweren Gewitter, vor dem sie sich mit ihrem Vater in einen aus Garben geflochtenen Unterschlupf geflüchtet hat, der Blitz auf diesen ein, aber nun auf ihr unschuldiges Haupt selbst, und sie sinkt tot neben ihrem Vater nieder. Der alte Mann verfällt in Wahnsinn; obwohl noch Jahrzehnte lebend, taucht er daraus nicht wieder auf. — Und wie könnte das Ende eines solchen Lebens ein anderes sein als dieses? Abdias ist der Mensch, dem bei all seiner Kraft und Lebensbeherrschung nicht zu leben geworden ist, weil seine Seele nur das Eine kennt, und weil er unter einem leeren Himmel dies Eine nur unter den Vielheiten des Daseins als sterbliches Geschöpf finden kann. Seine Ausschließlichkeit selbst führt ihn in den Wahnsinn. Es ist, als wäre die ganze Frage Stifters, die unausgesprochen dieser Erzählung zugrunde liegt, die: Was kann und muß aus einem großen Menschen dieses 35