Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-04-01 · Heft 1 (April 1934) · p. 37

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 1 (April 1934)
Article
Stifters Abdias
Date
1934-04-01
Page
37 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895528-2903774--07032-2903837
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Stifters Abdias verstehen wir, warum hier die Gestalt eines Juden zur Erläuterung des Weltschicksals überhaupt gewählt wurde. Denn wohl erscheint das Verschulden dieses Helden — sofern er unwissend schuldig wird — gleich der tragischen Schuld der Griechen als eine schuldlose Schuld; aber es wird aus dem Kreis des Tragischen herausgerissen und zur schweren religiösen Schuld dadurch, daß dies Leben nicht wie das der Griechen sich unter hier und dahin reißenden Mächten, unter hadernden Gottheiten mit verschiedenen Gesetzen abspielt, sondern unter dem Auge und dem Gesetz des Einen Gottes, der sich eben diesen Menschen erlesen hatte und zu dem eben dieser Mensch den Weg nicht fand. Darum ist der Untergang des Abdias nicht heldische Tragik, sondern göttliches Gericht. Wie aber verträgt sich mit diesem finsteren göttlichen Gericht der Schimmer jener heiteren Blumenkette, der dennoch auf dies Schicksal fällt? Stammt er wirklich allein aus der Ahnung des Dichters, daß alles in ihr einst in Gerechtigkeit und Klarheit gelöst sein wird? Oder steigt diese Ahnung selbst, und mit ihr der sanfte Glanz, der über dieses ganze düstere Mysterium von Schuld und Schicksal, Gnade und Verwerfung ausgebreitet ist, nicht letzthin aus einer noch tieferen Quelle empor: aus der Liebe des Dichters zu dem zwar Verlorenen, aber doch auch Auserwählten? Der große Dichter der kleinen Welt des Biedermeier ist mit dieser Erzählung ein einzigesmal ganz aus seiner Welt herausgetreten und hat in seinem Wissen um Gnade und Erwählung, Schicksal und Verhängnis des jüdischen Menschen die Pforten aufgestoßen zum Unendlichen. Im Marzheft erschien iL a.: Kurt Wilk, Zum Inhalt und Wesen des völkischen Siaatsgedankens / Leo Hirsch, Disraeli—Lassalle / Der Morgen im 10. Jahr / Karl Wolfskehl, Zwei Gedichte / Ernst Reich, Das gute jüdische Herz Das Maiheft bringt u. a.: H. J. Schoeps, Unveröffentlichtes aus Franz Kafkas Nachlaß / Margot Rieß, Unzeitgemäße Formen des Kunsllebens / Arno Herzberg, Jüdischer Journalismus heute / Das möblierte Zimmer Der Abonnementspreis des „Morgen" ermäßigt sich auf RM. 10,80, wenn der Betrag bis zum 1. Mai auf das Postscheckkonto des Philo- Verlages Berlin 83512 überwiesen wiriL 37

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.