Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Stifters Abdias
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 33 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Stifters Abdias eine bloße blinde Leidenschaft — sondern sie ist Dienst: straffe, zähe, unermüdliche Arbeit und Tat an dem Einen und um des Einen willen, das er liebt. Seine Liebe beginnt mit dem unendlichen Staunen über das Wunder dieses neuen Daseins. Es ist, als erlebte Abdias an ihm ahnend zum erstenmal das Wunder der göttlichen Schöpfung. „Wenn es Nacht war, saß er zuweilen wieder, wie er es früher auch getan, auf dem hochgetürmten Schutte seines Hauses, dort, wo die zerrissene Aloe stand, und betrachtete die Gestirne, die tiefen funkelnden Augen des Südens, die hier täglich zahllos und feurig herniedersehen." So lebt die dunkle Beziehung seiner Jugend zu dem, was in der Natur am reinsten das Göttliche spiegelt, mit dem Wunder der Liebe still und leidenschaftlich in seinem Innern wieder auf. Den Nachbarn fällt es auf, daß der ruhelose unternehmende Mann nun, da er das verlorene Hab und Gut wieder mit doppelter Kraft einbringen müßte, so still fortlebt, und sie denken, er warte nur auf den Augenblick, an dem er sich für alle vergangenen Unbilden rächen könne. „Er aber stand in seinem Hause und betrachtete das kleine Kind." Abdias war zunächst voll von Rache; er kannte den Namen, den Wohnsitz des Feindes; er sann auf die furchtbarste, blutigste Vergeltung. Aber nach und nach wird die Rache vollkommen von seiner Liebe aufgezehrt. Der Gedanke an sie verbleicht mehr und mehr in seinem Herzen. Denn es gibt keinen anderen Inhalt mehr in seinem Leben als das Kind. Um seinetwillen reißt Abdias sich nach einigen Monaten von dem trockenen wilden Lande unter dem funkelnden Sternenhimmel, das wie ein Abbild seiner eigenen zugleich kargen und überreichen Natur ist, los, um hinüberzuziehen in das ferne, feuchte und mildere Europa. Nachdem er mit größter Umsicht alle Vorbereitungen getroffen, sein an verschiedenen Stellen heimlich vergrabenes Gold zu sich gesteckt und sich reichlich bewaffnet hat, zieht er bei Nacht allein und heimlich mit dem Kinde und dessen Wärterin, ohne Uram, den er nicht aus seiner Heimat reißen will, fort; aber der treue Knabe folgt ihm und holt ihn unter fast unmenschlichen Strapazen und Irrzügen nach mehreren Tagen halb verhungert ein. Nun nimmt Abdias ihn mit. Auch das charakterisiert diesen Mann, daß er, der von Feinden Gehaßte und Umlauerte, wie jeder starke Mensch einzelne Menschen an sich zieht, die sich ihm bis zur Leidenschaft des Opfers verbinden. An die Schönheit der Wanderung des kleinen Zuges durch die Wüste: ihrer Wunder und Gefahren, ihres Lichtes bei Aufgang und Untergang, dann des ersten Auftauchens des Meeres von der Wüste aus, reicht kein Wort heran. In der weißen Hafenstadt wird Abdias von der Wärterin des Kindes um einer Liebe willen verlassen und findet keine 33