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Der Morgen · 1934-04-01 · Heft 1 (April 1934) · p. 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 1 (April 1934)
Article
Stifters Abdias
Date
1934-04-01
Page
32 (sequence 6)
Language
German
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Margarete Susman in dem der bereits alternde Abdias, von einem langen glänzenden Karawanenzug zurückkehrend, sein Heim von Räubern verwüstet, alle seine Schätze und Habseligkeiten fortgeschleppt findet und in einem soeben noch mit prunkvollen Teppichen belegten Gemach, von allen seinen Dienern verlassen, auf einem Haufen lockerer Erde seine Frau, die ihm ein vor Schrecken zu früh geborenes Kind — das erste — entgegenhält Abdias hatte Deborah einst um ihrer unaussprechlichen Schönheit willen aus dem fernen Lande mit heimgebracht; sie hatte, während er den ganzen Orient bereiste, in der Verborgenheit seiner Höhle mit ihren Dienerinnen still gelebt und war dann eines Tages bei seiner Rückkehr durch seine plötzliche Verwandlung aus dem schönsten zum häßlichsten Menschen in unheilbare Schwermut verfallen. Denn beide durch ihre strahlende Schönheit ausgezeichneten und wie verschleierten Menschen hatten einander bisher „nur mit äußeren Augen gesehen". Nun sieht er auf sie hin „und streichelte, neben ihrem Haupte kauernd, ihre kranken, bereits alternden Züge — sie aber lächelte ihn seit fünf Jahren wieder zum erstenmal mit dem düsteren traurigen Antlitze an, als sei die alte Liebe neu zurückgekehrt". — Abdias vergißt alles um sich her: den Raub, die bedrohliche Feindseligkeit der Nachbarn; „es war ihm mitten in der Zerstörung nicht anders, als sei ihm das größte Glück auf Erden widerfahren — und wie er neben der Mutter auf dem nackten Boden saß und wie er den kleinen wimmernden Wurm mit den Händen berührte, so wurde ihm in seinem Herzen, als fühle er drinnen bereits den Anfang des Heiles, das nie gekommen war und von dem er nie gewußt hatte, wo er es denn suchen sollte — es war nun da und um Unendliches süßer und linder, als er sich es je gedacht. Deborah hielt seine Hand und drückte sie und liebkoste sie — er sah sie zärtlich an — sie sagte zu ihm: ,Abdias, du bist jetzt nicht mehr so häßlich wie früher, sondern viel schöner/ Und ihm zitterte das Herz im Leibe." In seiner Abwesenheit verblutet sich die Frau. Abdias versorgt, nachdem er die furchtbare Gewißheit ihres Todes gewonnen hat, zuerst vorsichtig das Kind mit einem milchgetränkten Lappen und macht ihm ein Bettlein aus alten Kleidern. „Dann setzte er sich auf eine Bank nieder, welche von Steinen gebildet wurde, die zufällig aus der Mauerecke hervorstanden. Wie er saß, flössen aus seinen Augen Tränen, wie geschmolzenes Erz." So kommt die Liebe in das Leben des Abdias. Er lebt von nun an still weiter und wendet sein ganzes Leben seiner kleinen Tochter zu. Denn die Liebe dieses Menschen zu dem einen Wesen, das ihn von allem andern Leben fortzieht, ist nicht ein bloßes Gefühl, nicht nur reine Hingabe des Herzens, nicht 32

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