Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Stifters Abdias
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 31 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Stifters Abdias auf, um dann von seinem Vater, dem Brauch gemäß, eben erwachsen, eines Tages arm und mutterseelenallein in eine Welt voller Gefahren ausgesetzt zu werden, in der er sich sein nacktes Leben verdienen, das Wissen, das er braucht, erwerben und zum reichen Manne werden soll. Nirgends ist in dieser Erzählung der Name Gott genannt; kein Lichtschimmer aus einer andern Welt fällt herein. Nur in seltenen Augenblicken dämmert es wie eine dumpfe Sehnsucht nach der Weisheit der alten Propheten und Führer des auserwählten Volkes auf. Abdias selbst sollte eigentlich nach dem Willen des Vaters in dieser Weisheit erzogen werden. Aber es wurde nichts daraus, „weil es in Vergessenheit geraten war". Vergessenheit dessen, was dieses Geschlecht, „das ausschließ endste der Welt", eigentlich ist, wozu es bestimmt ist, liegt wie der leere weite Wüstenhimmel, unter dem der Knabe viele Stunden lang in einem leeren Sinnen und Fragen träumt, über seinem Schicksal. Aber in dem reichen, verschlagenen und mächtigen Händler, der mit seinen Karawanen durch den ganzen Orient zieht; in dem glänzenden, prunkliebenden Kaufmann, zu dem Abdias im unerbittlichen Kampf mit einem feindlichen Leben erwächst; in der unerhörten Kraft und Ausdauer, mit der er alles vollendet, was er unternimmt; in der Größe seiner Lebensbeherrschung und selbst in dem Rausch von Glanz und kriegerischer Macht, durch den er „die schimmernde Straße des Reichtums immer näher gegen die Wüste zieht", — in diesem Übermaß an starkem, zähem und wildem Leben, wie später in der glühenden Ausschließlichkeit seiner Liebeskraft sehen wir doch, nur gleichsam als rohes, ungeschmiedetes Material, die ganze Übergewalt des Stammes aufleuchten, der einst die Propheten und Führer der Menschheit hervorgebracht hat. Alle widersprechendsten Züge des jüdischen Wesens sind in diesem einen Menschen vereint, ja, die geschichtliche Entwicklung seines gesamten Volkes scheint sich im Leben dieses Mannes widerzuspiegeln, der als Mensch jener Zeit, losgelöst von seinem religiösen Wurzelgrund, in all seinen gewaltigen menschlichen Lastern und Tugenden, unter dem Verhängnis eben dieses Losgerissenseins vor uns steht. Denn das Seltsamste ist, daß das ganze Leben dieses heillosen, schuldbeladenen Menschen dennoch letzthin immer am Heil entlangläuft, daß es überall und immer auf das unbekannte Heil ausgerichtet ist. Nirgends ist das Zerbrechen der spröden, glasklaren Stifterschen Sichtbarkeit ergreifender gestaltet als in jenem Augenblick, wo zum erstenmal in seinem Leben den wilden und harten Mann ein Strahl des echten Heils berührt und nun die ganze Tiefe und Zartheit des jüdischen Empfindens wie ein springender Brunnen aus dem finsteren Erdreich dieses Lebens aufsteigt. Es ist der Augenblick, 31