Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Stifters Abdias
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 30 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman rade aus diesem Grunde bemüht hätte, sie mit so überzeugender Klarheit und Schärfe, mit so unfehlbarer Sicherheit bis in alles Einzelne hinein zu zeichnen und als Heimat seiner Gestalten zu geben. Die Stifterschen Existenzen haben alle noch Heimat; die Menschen vermögen sich in diesen Landschaften, auf diesen Wegen, in diesen Zimmern noch zu finden, — und doch ist diese Heimat schon von fernher unterirdisch erschüttert; überall spüren wir ein kaum merkliches Beben unter seiner abgeschlossenen, ruhevollen Welt Sie ist noch schön — schön, wie ein sanfter farbenreicher Herbsttag, an dem bereits die Blätter lautlos und unmerklich fallen; aber die ruhevolle Schönheit der Menschen und Dinge erweist sich überall an den Entscheidungspunkten von Stifters Dichtung als teuer bezahlt. Denn diese gedämpften Erzählungen in ihrer schweigsamen Schönheit sind keineswegs, was sie auf den ersten Blick scheinen könnten: bloße „Existenzbilder", reine Darstellungen eines schönen losgelösten und verantwortungslosen Lebens, in denen sich nichts enthüllt als eben die Schönheit und Eigenart des Erscheinenden selbst. Mag auch Stifter aus seiner eigenen zeitgebundenen Welt in seiner Dichtung niemals sichtbar herausgetreten sein, mag er ihre fragwürdigen Grundlagen scheinbar akzeptiert haben — überall lebt doch unter der kühlen abgeschlossenen gefühlsfremden Welt des Biedermeier das dunkle Geheimnis ihres Nicht-Sein-Könnens von der wahrhaftigen Wirklichkeit des Menschen her. Diese Tragik bleibt als solche unausgesprochen; aber sie ist immer wortlos gegenwärtig. Nur in seltenen Augenblicken bricht sie plötzlich gewaltsam durch — in Augenblicken, die Höhepunkte aller Kunst sind durch die Gewalt der in ihnen offenbarten Menschlichkeit. Der Jude Abdias, im Anfang als ein gebeugter, neunzigjähriger Greis eingeführt, war in seiner Jugend „so schön, wie einer jener himmlischen Boten gewesen ist, die einstens so oft in seinem Volke erschienen". Einstens — denn diese Zeit ist längst vorüber. Die gottbestimmte Wirklichkeit, das sichtbare Eingreifen überirdischer Mächte, die gewaltigen Erscheinungen und Offenbarungen des jüdischen Volkes sind Abdias fremd und unbekannt geblieben. Von der Schönheit des Anfangs seines Volkes ist es so weit entfernt, wie er es später von der ursprünglichen strahlenden Schönheit seines Antlitzes ist, die auf der Höhe seines Lebens eine furchtbare Pockenkrankheit für immer zerstört hat. In der afrikanischen Wüste, in den verborgenen Trümmern einer alten Römerstadt mit Schakalen hausend, in einer mit armseligen Lumpen verstopften Höhlenwohnung voll kostbarer Schätze des Orients, in der nur am Abend, wenn die Lampen brennen, alles glitzert und funkelt, wächst der schöne Knabe, von einer weichlichen unwissenden Mutter verhätschelt, ohne Belehrung, ohne Erziehung, ja ohne das gewöhnlichste Wissen 30