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Der Morgen · 1934-04-01 · Heft 1 (April 1934) · p. 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 1 (April 1934)
Article
Stifters Abdias
Date
1934-04-01
Page
29 (sequence 3)
Language
German
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Stifters Abdias Urschicksal des Judentums. Er hat seinen gewaltigen alttestamentarischen Gestalten keine besondere Stilisierung einer vergangenen Welt gegeben; er hat im Ghettojuden, der neben ihm lebte, unmittelbar dieselbe Urerfahrung erblickt. In seinen Bildnissen wie in den großen biblischen Begebenheiten erscheinen dieselben Menschen jener letzten Lebens- und Leidenstiefe, aus der die Verkündung eines Jenseitigen übermächtig aufsteigt. In dem tränenfeuchten Dunkel seiner Heimatstadt erscheinen sie alle von einer einzigen überirdischen Lichtquelle erleuchtet. Alles umher wird zur Botschaft. Engel stehen um sie, himmlische Boten steigen auf der Leiter des Lichtes zu ihnen herab. Wenn neben diesen beiden gewaltigsten Künstlern der germanischen Welt, neben denen nur noch ganz wenige bestehen, hier der viel bescheidenere Genius Stifters genannt werden darf, so ist es darum, weil mit seiner Erzählung vom Juden Abdias dieser Genius wirklich einen Gipfelpunkt aller Kunst erreicht und weil er in ihr nicht minder als jene anderen am jüdischen Schicksal ein Äußerstes, ja — wie es seine Einleitung zeigt — das Äußerste des Menschenschicksals überhaupt als große Ahnung sichtbar gemacht hat. Er hat es um zwei Jahrhunderte später als Rembrandt in einer wiederum völlig gewandelten Epoche getan: in einer sehr still, sehr nüchtern und irdisch gewordenen, eigentümlich beschränkten Epoche. So hat er seinen Helden weder zu der finsteren Gegenkraft einer Welt der Schönheit und Freude zusammengeballt, noch hat er ihn aus der Wahrheit des Alten Testamentes heraus in ständigem innerem Vernehmen des Übersinnlichen und unter überirdischen Erscheinungen lebend dargestellt. Beides wirkt im Bilde dieses Menschen nach; aber das Problem dieser Erzählung erhebt sich gerade darauf, daß keines von beiden, daß überhaupt nichts Einzelnes und Benennbares im jüdischen Dasein in ihr klare Gestalt gewinnt. — Stifter erzählt das Schicksal eines zu seiner eigenen Zeit lebenden Juden, das sich dem Raum nach sehr fern von ihm begibt, aber trotz dieser Ferne und trotz der Fremdartigkeit und Absonderung seines Helden doch deutlich unter den untergehenden Sternen seiner eigenen Zeit steht. Aber die Kunstform Stifters ist auch der Art nach von den beiden früheren verschieden. Die epische Kunst gibt nicht wie das Drama und die bildende Kunst die Gestalten für sich im engsten Rahmen ihrer Umgebung, sondern sie gibt deren ganze räumliche und zeitliche Welt. Und Stifter ist vielleicht der letzte Epiker gewesen, der eine Welt besaß; nur ist diese Welt nicht mehr ganz wahr. Fast scheint es, als ob der Dichter sich ge- 29

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