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Der Morgen · 1934-04-01 · Heft 1 (April 1934) · p. 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 1 (April 1934)
Article
Stifters Abdias
Date
1934-04-01
Page
28 (sequence 2)
Language
German
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Margarete Susman erzeugtes äußerstes Gegenbild sich logisch hätte entwickeln müssen. In der Welt der Renaissance, die Christentum und Heidentum zu dem Rausch einer neuen himmlisch-irdischen Schönheit, schrankenloser Freiheit und Macht zusammenwarf, hat Shakespeare der von jeder Schönheit überglänzten Welt der Freien die unbeschreibliche Häßlichkeit des Geknechteten und Ohnmächtigen gegenübergestellt: die grenzenloseste menschliche Häßlichkeit, die der Haß ist. Der Haß in seiner immanenten Gerechtigkeit und in seiner ungeheuren Verworfenheit. Aller äußere und innere Glanz sammelt sich auf der Welt der gerechtigkeitsfremden Macht, während die dunkle Macht der Gerechtigkeit, in das Gewand der äußersten Ohnmacht gekleidet, glanzlos und gnadenlos versinkt. Das Schicksal des Juden wird hier durch die eine Erdzeit lang wirkende Unterdrückung zur finsteren Gegenkraft einer Welt. Von völlig anderer Art ist das Bild, das Rerabrandt vom jüdischen Menschen gegeben hat. Auch er hat — um weniger als ein Jahrhundert später — in einer räumlich und zeitlich völlig anderen Welt wiederum am Judentum ein Äußerstes des Menschlichen überhaupt sichtbar gemacht. Aber hier ist es, obwohl auch Rembrandt den Ghettojuden darstellt, nicht die rasende Reaktion auf eine feindliche Umwelt, sondern die Ewigkeit des jüdischen Schicksals rein in sich selbst. Was Rembrandt in seinen jüdischen Gesichtern und Gestalten darstellt, ist jenes Übermaß an Erfahrung, das den Juden von allen Völkern unterscheidet und ihn vor ihnen allen traurig und gnadenhaft auszeichnet. Denn das Wurzeln in einer irdischen Heimat läßt dem Menschen immer einen Rest pflanzenhafter Ruhe und Sicherung. Erst die grundsätzliche Heimatlosigkeit, das unablässige wieder Losgerissenwerden, der ewige Aufbruch auf Erden macht ihn ganz zu dem Wesen, das er in Wahrheit ist: dem, der hienieden keine bleibende Statt hat, sondern die zukünftige sucht. „Elend" nennt das alte deutsche Wort die Fremde. Das Leben im „Elend", wie es das jüdische Volk seit Jahrtausenden führt, unterstreicht nur das Menschenschicksal überhaupt. Der Jude ist der, der gewissermaßen zweimal das Menschenschicksal lebt. Als der nirgends Wurzelnde, ewig Wandernde steht er immer an der Grenze des Lebenkönnens. Aber diese Grenze des Lebenkönnens ist kein bloßes Ende; sie ist zugleich die Grenze zu einer anderen Welt. Wir blicken in das Antlitz der Rembrandtschen Juden hinab wie in einen Brunnen von unabmeßbarer Tiefe, in dem sich jene ganze Schicksals- und Leidenserfahrung gesammelt hat, die unmittelbar angrenzt an ein Jenseits des Menschlichen: an das Übersinnliche. Rembrandts jüdische Menschen, die seiner eigenen Zeit wie die einer fernen Vergangenheit, stehen alle unmittelbar im religiösen 28

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