Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 26 (sequence 4)
- Language
- German
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Max Samter: Legende von den Juden durch das Fenster hinaus ins Freie. Auf der Seite, an der er jetzt stand, war alles dunkel. Der Hund schlug leise an, er ging rasch hinüber und fuhr ihm mit der Hand über den Rücken. Dann lief er fort und verschwand hinter den Bäumen. Unendlich dehnte sich der Wald. Aber hier kannte er jeden Weg, jeden sandigen Hügel. Als er zweihundert Meter gegangen war, schlug er einen Bogen und kletterte durch Gestrüpp und Moos zur Höhe. Oben verweilte er kurze Zeit und atmete tief die Luft in die vom raschen Steigen ermüdeten Lungen ein. Auf einmal überkam ihn die Ungewißheit jeder kommenden Stunde. Die Nacht war warm und voller Ruhe, er würde dem Tale zuwandern. Er wußte, daß es heimwärts ging. Er war ruhig, als er daran dachte. Inzwischen hatte man oben bemerkt, daß er fort war. Das Spiel hatte begonnen, sein Stuhl war leer geblieben. Die Schauspieler stockten nach den ersten Sätzen: hatte es einen Sinn zu zu spielen, wenn Herbert fort war? Unruhe verbreitete sich: „Wo ist er denn hin? Wir wollen ihn suchen!" Die Jungen standen von den Plätzen auf und drängten zur Tür. Da erhob sich der Leiter: „Laßt ihn", sagte er laut, „er kommt nicht wieder!" Er führte sie hinaus ins Freie, durch die offene Tür fiel das Licht hell auf den Vorplatz. Sie stellten sich in Reih und Glied auf, den Blick zur Höhe gerichtet, die durch die Bäume verdeckt war, und legten die Hände an den Mund und riefen durch die Trichter der Hände hindurch wie mit einer Stimme: „Alles Gute, Herbert!" und dann sangen sie die Lieder, die er oft mit ihnen gesungen hatte, und zuletzt das alte Abschiedslied des Arbeitslagers, das einer mitgebracht hatte: „Ein Schifflein ziehet leise.." Herbert hörte die Rufe und hörte das Singen, das ihn begleitete. Vieles stand ihm bevor: die Heimkehr in die grauen Städte, unter das Joch, das die andern schon hundertfach trugen. Noch mußte Licht in das Dunkel brechen, das den Spuk und die freventliche Bitte der letzten Nacht geheimnisvoll verhüllte. Noch war alles Flucht und nichts Aufbruch. Es gab kein Vergessen, alles war Schicksal, immer wieder mußte neu begonnen werden. Noch fand er keine Pläne und keine Gedanken. Leicht trugen ihn die Füße den Berg hinab, einen Schatten nur unter dem leisen Rauschen der Wälder. C/ott aber saß im Kreise der Himmlischen und sah lächelnd auf die Erde herab. Was die Gebete der angstvollen Völker der Erde, was die Bitten der Heiligen nicht vermocht hatten, das hatte die Stimme des einen erreicht, der nun dem Tale und der Heimat zuschritt. Gott hatte den Ruf gehört: „Laß mich vergessen, daß ich ein Jude bin!" Tausende hatten geschrieen: „Wir sind Juden, hilf uns doch, o Gott!", und Gott hatte den 26