Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 25 (sequence 3)
- Language
- German
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Legende von den Juden beln ein und wischte die blanken Tische ab. Sie wurden beiseite geschoben, so daß in der Mitte ein freier Raum entstand, in dem die Stühle zu Reihen Platz fanden. Neben der Kapelle wurde eine Bühne errichtet, plötzlich war ein Vorhang da, Decken wurden über die Tische gelegt, Tassen aufgestellt, ein riesiger Kuchen wurde hereingetragen, Geschenk der Leitung des Lagers, eine Gruppe machte sich daran, ihn in Scheiben zu schneiden. Tee worde aus großen Kannen eingegossen, Herbert saß mitten unter den anderen, und nun trat das Trio auf die Bühne und nahm hinter den Notenständern Platz. Der Leiter hatte unbewegt gestanden, als dies alles geschah. Nun lächelte er, eine große und ehrliche Freude über die Jungen war über ihn gekommen. Bevor das Trio zum Spielen ansetzte, hob er die Hand. Sofort verstummten sie alle. „Unser Kamerad Herbert", sagte er, „hat mich gebeten, ihn aus dem Lager zu entlassen. Ihr kennt den Grund und Ihr wißt, daß damit auch die Annahme des Amtes, ein Sturmmann der neuen Zeit zu sein, für ihn entfällt. Es tut mir leid, daß es so ist, und ich weiß, daß es Euch allen leid tut. Aber es gibt Dinge, die stärker sind als wir. Euer Fest der fallenden Bäume wird nun ein Abschiedsfest für Herbert werden. Er hat es verdient, und jetzt wünsche ich Euch, daß der Abend schön und fröhlich wird!" Er setzte sich, die Musik fiel ein. Noch lag eine seltsame Versunkenheit auf dem Gesicht des Leiters und mancher der Jungen. Aber die hellen Töne wischten das Nachdenken fort, neue Spiele lösten die ersten ab, jeder, Turner und Sänger, gab, was er konnte, und gab es freudig, des Beifalls gewiß. Sie sparten nicht mit Anspielungen und gingen nicht zahm miteinander um: Gelächter belohnte jeden Witz, der einem von ihnen galt. Und auch der Leiter wurde nicht geschont: er freute sich über jedes Wort, das traf. Jetzt, vor dem Umbau, trat der Sprecher vor: „. . und bitten wir die werten Herrschaften, über die Pause, die wir jetzt vor dem großen Schauspiel der fallenden Bäume einlegen müssen, nach Belieben zu verfügen . . Lachen, Bewegung, rasches Durcheinander. Die Pause. Herbert erhob sich, noch stand er allein, er empfand die kühle Scheu, mit der sie ihn umgaben, weil sie ihm nicht wehtun wollten. Aber als er jetzt langsam vorwärts ging, drängten sie sich heran, fanden herzliche Worte, in die doch schon ein Bedauern des Abschieds fiel. Er sprach mit ihnen, aus einer starren Entrücktheit, aber immer mehr kamen zu ihm, hielten ihm die Treue, holten ihn in die lebendige Wärme des Zimmers herab. Plötzlich würgte es ihn in der Kehle. Noch hielt er den aufdrängenden Schmerz zurück. Aber er lief zur Seite, als ob er etwas holen wolle, schlich leise in den Schlafsaal, packte seine Sachen zusammen, sah sich noch einmal um und kletterte 25