Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Legende von den Juden
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 27 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman: Stifters Abdias Tausenden sein Ohr versagt. Aber er war bei dem einen, der vergessen wollte,weil in der Auflehnung die Umkehr schon beschlossen lag. Denn Gott wußte, daß man nicht vergessen kann. Seine Liebe gehörte den Wenigen, die sich durch das Gestrüpp und durch die Irrwege quälten, um zu ihm zu gelangen. Und er lächelte. Er war bei dem einsamen Wanderer, weil er bei denen war, die es sich schwer machten, und weil er das Ziel hinter den Wegen kannte. Die Wege waren nicht grade und bequem, sie führten nicht auf den spiegelnden Asphalt und nicht in die Zimmer mit den verhangenen Fenstern. Gott sah das Kommende, er sah über der unendlichen Verzweiflung schon den trotzigen Stolz, der zur endlichen Einsicht führte. Auch er wußte um die Schmerzen seiner Kinder. Aber wo die Engel nur das Wehklagen hörten, blühte in Gott schon das bunte Licht der Blumen, die auf der Erde wuchsen, in die das dunkle Blut geflossen war. Margarete Susman: Stifters Abdias Adalbert Stifter hat in dieser Erzählung zur Darstellung des Weltgeheimnisses, das wir Schicksal nennen, und das, aus letzter Ferne gesehen, sich seinem Blick entschleiert als „eine heitere Blumenkette, die durch die Unendlichkeit des Alls hängt und ihren Schimmer in die Herzen sendet", das finsterste, erbarmungsloseste Menschenschicksal gewählt. Nicht zufällig ist es das Schicksal eines Juden. Mit dem Problem und Mysterium des Judentums haben sich — im positiven oder negativen Sinne — alle wahrhaft großen germanischen Dichter und Denker auseinandergesetzt; eine wirkliche Gestalt und Gestaltung aber haben ihm nur drei unter ihnen gegeben: Shakespeare, Rembrandt und Adalbert Stifter. Alle drei haben in verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kunstformen das jüdische Schicksal als ein Äußerstes, als einen Grenzfall des Menschendaseins erfaßt und ein Letztes alles Menschlichen an ihm sichtbar gemacht. Die beiden ersten können hier nur kurz gestreift werden. Shakespeare hat in seinem Shylock das Bild eines Ghettojuden gegeben, wie es von der strahlenden Welt der Freien, Wurzelnden, der Glücklichen und Unbedenklichen aussieht — und nicht nur aussieht, sondern wie es in ihr als von ihr selbst 27