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Der Morgen · 1934-04-01 · Heft 1 (April 1934) · p. 24

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 1 (April 1934)
Article
Legende von den Juden
Date
1934-04-01
Page
24 (sequence 2)
Language
German
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Max Samter Seitenblick, der ihn streifte; dann antwortete eine Stimme, betont und deutlich: „Mensch, mach Dich doch nicht mausig, was Dir dabei schon abgeht!" Sein Lächeln wurde stiller und schmerzlicher. War es wirklich nichts weiter? Ein peinlicher Zwischenfall, der beigelegt werden mußte? Er wandte den Kopf zum Leiter des Lagers. Noch wuchs der Lärm des aufgescheuchten Haufens. Der Leiter, ein junger Mensch, kaum älter als Herbert, war stehen geblieben. Auch aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen. Er war freilich nicht der Mann, sich von einer schwierigen Situation aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Noch starrte er mit schmalen, zusammengekniffenen Lippen schweigend auf das Gewimmel. Es war klar, was mit Herbert geschehen mußte. Er konnte nicht im Lager bleiben, aus verschiedenen Gründen. Aber was dort an die Oberfläche kam — damit wurde er nicht fertig, er wußte genau, daß sie so wankelmütig, so wetterwendisch niemals waren. Sie waren nur erschreckt und wußten nicht ein noch aus. Er war gewiß kein Freund der Juden, die Juden hatten nicht viele Freunde in diesem Land. Aber er war zu sehr allem Lebendigen verfallen, als daß sein Herz nicht auch diesem einen gehörte, der vielleicht fremd war, und der seine Treue mit diesen armseligen Minuten bezahlte. Er wußte, daß Herbert jetzt darauf wartete, daß er, der Leiter, etwas sagen, daß er den Aufruhr glätten und besänftigen würde. Aber er durfte es nicht. Er durfte es um seiner Jungen willen nicht, die selbst aus ihren Zweifeln erwachen mußten, um sie heilsam zu bestehen. Schon fühlte er, daß der eine und der andere ihn fragend ansah. Er hielt die Blicke aus und wartete. Unbemerkt von den meisten erhob sich Herbert, umschritt noch einmal den Tisch und bat, mit wenigen Worten, um seine Entlassung aus dem Lager. Der Leiter sah ihm lange in die Augen. Dann gab er ihm die Hand. „Ich wünsche Dir alles Gute, Herbert", sagte er warm. Der drehte sich schnell um, die Härte auf seinem Gesicht zerfiel, er mochte nicht zeigen, wie schwer dies alles war. Jetzt, als er den Ausgang suchte, wurden sie auf ihn aufmerksam; auf einmal wurden sie still, eine Gasse bildete sich, durch die er hindurch mußte. „Nur ein Stückchen Spießrutenlaufen", dachte er gequält, aber bevor er diesen Gedanken hinter sich gebracht hatte, wurde die Gasse lebendig: „Bleib doch hier, Mensch!", riefen sie ihm zu, und „Du bist doch ein feiner Kerl!" und hundert Sätze und Zärtlichkeiten, die ihm die Tränen in die Augen trieben. Er ging schneller, aber noch war er nicht bis zur Tür gekommen, als die Gasse zerbrach, sie stürzten auf ihn zu, packten ihn und schleppten ihn in den Saal zurück, sie hoben ihn auf, als er sich sträubte, sie hielten ihn fest, der Tischdienst sammelte Teller, Messer und Ga- 24

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