Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Der Garten des Sergeanten Dardar
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 21 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Garten des Sergeanten Dardar gebiet der Banden derart ein, daß es die Frage einer nur ganz kurzen Zeit sein konnte, wann Nissan und Baruch gefangen oder abgeschossen werden würden. Da aber die beiden, noch immer politisch völlig uninteressiert, ihr Werk nun als vollendet ansahen, verständigten sie sich über einen gemeinsamen Plan, entwischten den Verfolgern und konnten sich nach einem ungemein schwierigen Marsch über das Kara-dag-Gebirge in das neutrale Persien retten. Hier kam es zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Brüdern. Baruch wollte sich entweder an dem kurdischen Aufstand gegen die Türken beteiligen oder aber sich irgendwo im persischen Kampfgebiet betätigen. Nissan schwankte zwar einen Augenblick, denn auch ihm erschien das Kämpfen als die vornehmste Beschäftigung für Menschen, die ein anständiges Gewehr besitzen, dann aber erklärte er, daß weder die Türken noch die Perser sie etwas angingen. Da er unterwegs von einem aus der Kriegsgefangenschaft geflohenen deutschen Soldaten gehört hatte, daß in Palästina nach Vertreibung der Türken ein aus dem Blut König Davids stammender Jude die Herrschaft übernommen habe, machte er den Bruder darauf aufmerksam, daß man jetzt wahrscheinlich Leute wie sie im nun wieder heiligen Land gebrauchen würde. Baruch aber, im Denken etwas schwerfälliger und von Natur aus mißtrauisch, wandte ein, daß außer diesem Soldaten, mit dem sie sich übrigens nur ganz oberflächlich hatten verständigen können, kein Mensch von dem neuen König etwas gesprochen hätte. Nissan hörte ihm wortlos zu, fragte ihn dann, ob er geendigt habe, und als der Bruder bejahend die Zähne bleckte, packte er nicht nur sein, sondern auch Baruchs Gewehr und stieg schweigend den Bergsattel, auf dessen Höhe sie gerastet hatten, hinunter. Da er der Stärkere war und Baruch seinem Gewehr selbst bis an das Ende der Welt nachgelaufen wäre, folgte er schimpfend dem mit Riesenschritten ausschreitenden Bruder. Sie hatten natürlich keine Ahnung von der geographischen Lage Palästinas, doch wußten sie, daß dieses Land, für das sich plötzlich nun auch Baruch mit jäh aufbrechender Sehnsucht entschieden hatte, auf alle Fälle im Süden liegen müsse. Sie gingen also, der Sonne und den Sternen folgend, unaufhaltsam dem Süden zu. Dieses Gehen war natürlich alles andere als ein vergnüglicher Spaziergang, denn sie litten nicht nur unter Hunger und Durst, sondern auch unter der Kampfwut Aller gegen Alle in jener Zeit des Krieges. Mit hungrigem Magen mußten sie sich ihres Lebens wehren gegen Räuber mit oder ohne politische Ambitionen, deren Farben sie nicht einmal kannten, und gegen weithin herrschende Stämme, deren Namen sie nicht einmal 21