Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Der Garten des Sergeanten Dardar
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 20 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Y. Ben-Gavriel auf Dagestan übergriff. Weder Nissan, damals achtzehnjährig, noch sein um ein Jahr älterer Bruder Baruch, noch auch der Vater der beiden entschied sich für die eine oder die andere Partei. Völlig unpolitisch und durchaus unberührt von den Dingen einer ihnen beinahe unvorstellbaren Welt außerhalb ihres Gebirges, interessierte sie dieser Krieg nur insoweit, als er ihnen die Möglichkeit gab, ihren Patronenvorrat auf billige Weise zu vergrößern. Als aber eines Tages die beiden Brüder von einem Ausflug in die Kreisstadt, wie sie ihn wohl kaum öfter als dreimal in ihrem Leben unternommen hatten, zurückkehrten, stießen sie in jäher Plötzlichkeit mit Tatsachen zusammen, die sie zwangen, Partei zu ergreifen. Sie fanden nämlich Vater und Mutter, die sie bei voller Gesundheit und guter Dinge verlassen hatten, als Leichen vor. Und dies erst, nachdem sie in mühevoller Arbeit den Schutt ihres niedergebrannten Hauses weggeräumt hatten. Nissan und Baruch begruben schweigend ihre Eltern und auch andere Leute aus dem Dorf, deren Leichen sie fanden, und dann blickten sie einander an. Sie sprachen nichts, aber als Nissan sein Gewehr vom Boden aufhob und lud, tat auch der Ältere das gleiche. Es war fraglos und selbstverständlich, daß es ihnen nun oblag, das Blut ihrer Eltern zu rächen. Da aber in dem Dorf kein Mensch mehr lebte, der ihnen hätte sagen können, ob die Roten oder die Weißen die kleine Siedlung niedergebrannt und die Einwohner erschlagen hatten, standen sie einen Augenblick ratlos da. Doch dann schlug Nissan, der schnell erkannte, daß die Geschichte der von ihnen vorgefundenen Tatsachen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nicht festzustellen war, vor, die Blutrache in zwei Teile zu teilen. Er, Nissan, würde die Eltern an den Weißen, und Baruch würde sie an den Roten rächen. Baruch war mit dieser Lösung des immerhin ein wenig komplizierten Problems einverstanden. Sie küßten einander, und dann ging der eine nach rechts und der andere nach links. Beide nahmen in Gebieten, die einander nicht berührten, den Kampf auf und beide bildeten, nachdem sie eine Zeitlang auf eigene Faust marodiert und Posten abgeschossen hatten, kleine Banden, mit denen sie die Wege der von ihnen bekämpften Gegner unsicher machten. Da sowohl Nissan wie auch Baruch meisterhafte Schützen waren und das Gebirge natürlich weit besser kannten als die ortsfremden Truppen der Weißen und der Roten, gelang es ihnen bald, den Tod ihrer Eltern nicht sieben-, sondern sieb enundsiebzigfach zu rächen. Als aber der Bürgerkrieg mählich zu einer geregelten Angelegenheit wurde, begann sich das Blatt zuungunsten der Brüder zu wenden. Die Gegner, die über Organisation, Nachschub und systematische Ausbildung verfügten, engten bald das Operations- 20