Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Franz Oppenheimers Werk
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 15 (sequence 6)
- Language
- German
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Franz Oppenheimers Werk Oppenheimer zu den spezifischen Aufgaben des Soziologen rechnet, „auch im Kleinen, Flüchtigen und Unwesentlichen die gleiche Triebkraft zu erkennen, die im Großen, Dauernden und Wesentlichen wirkt". In der Abweisung der theologischen und metaphysischen Lösung steckt der eigentliche Grund der Unzulänglichkeit des ganzen Systems. „Umgeformte Instinkte, das heißt Bedürfnisse, Interessen und Interessenkomplexe sind die eigentlich bewegenden Kräfte des sozialen Prozesses; Ideen und Ideale können es nur insofern sein, wie sie den Kern von Gefühlskomplexen (,sentiments') bilden." Der unermüdliche Kampf Oppenheimers galt vom Anfang seiner wirtschaftswissenschaftlichen Betätigung an der „Lehre von der ursprünglichen Akkumulation", dem angeblichen Grundpfeiler aller „bürgerlichen" Wissenschaft Diese Lehre besteht nach Oppenheimer in der Anschauung, daß die wirtschaftlichen Verschiedenheiten der Vermögen sich nur aus der Verschiedenheit rein wirtschaftlicher Kräfte (also ohne den Eingriff außerökonomischer Gewalt) entwickelt haben. In der Befehdung einer solchen „Kinderfibel" wird er nicht müde; ihr setzt er die Lehre von der „Bodensperre", die geschützt sei durch „das entfaltete politische Mittel", nämlich die Gewalt des Staates, mit Vehemenz entgegen. Aufhebung der „Bodensperre" und Einführung der „Siedlungsgenossenschaft" lösen die soziale Frage; das ist der berühmte Oppenheimersche „soziale Liberalismus". Paul Honigsheim hat das ganze soziologische Werk Oppenheimers „eine rationale Utopie des Reiches der Gerechtigkeit" genannt. Daß dieser etwas kühne Oberbegriff richtig ist, wird vielleicht am deutlichsten an dem historischen Unterbau des Ganzen. Um Bodenbesitzverteilung, Bodenbesitzrecht und Bodenbesitzrente gruppieren sich alle Vorstellungen und Beschreibungen menschlicher Seinsformen und seelischer Verhaltungsweisen bei Oppenheimer. Das ist seine grandiose Einseitigkeit. Um die wahre Gerechtigkeit „ausbeuteloser Freibürgerschaft" herzustellen, ist dieser große geistige Bau aufgerichtet, sind die historischen Bausteine mühevoll von allen Seiten herbeigeschleppt. Das geschichtliche Denken Max Webers, aber auch Sombarts fehlen bei der Ideenverknüpfung und der Grundkonzeption. Namentlich Max Webers logische Theorie der historischen Kulturerkenntnis muß Oppenheimer unzugänglich gewesen sein, obwohl er Max Webers Arbeiten über die antiken Agrarverhältnisse in allen Einzelheiten benutzt hat und auch den bekannten von Rickert ausgebauten Gegensatz der individualisierenden und der generalisierenden Erkenntnis anerkennt. Die „soziologische" Behandlungsweise etwa von „Tausend Jahren jüdischen Schicksals" wie sie Oppenheimer jüngst kühn in engem Anschluß an sein System skizziert hat („Jüdische Rundschau" vom 15. Dez. 1933, Nr. 100), führt zu einer fast grotesken Verzerrung der jüdischen 15